Vollmond: speziell im Jahr 2021

Vollmond Collage im Jahr 2021

Der Mond wirft Schatten. Besonders eindrücklich an der Südwand des Grazer Hausberges, des Schöckl.

Sie schläft, als er den Mond fotografiert.

„Schau“, sagt er und beugt sich über sie, als er bemerkt, dass sie sich rührt und langsam erwacht. „Das habe ich heute Nacht gemacht.“

Sie sieht ihn eine Kamera in der Hand halten und voller Interesse durch die Fotos auf dem rückwärtigen Display scrollen. „Was hast Du da?“, fragt sie Sie, weil seine Aufmerksamkeit ihr Interesse weckt. Er zeigt ihr ein Foto: Vollmond, beeindruckend nah, wie es scheint. Weil das runde, von Kratern übersäte Antlitz des Mondes die ganz Displayfläche einnimmt. Alles ganz scharf. Man glaubt, auf dem Mond spazieren gehen zu können.

„Wow“, entfährt es ihr. „Schönes Foto.“

„Habe ich heute Nacht gemacht.“

Sie sieht ihn fragend an.

„Ja, von der Treppe an der Eingangstür. Da habe ich einen hervorragenden Blick auf den Vollmond, wenn er aufgeht.“ Als sie ihn, wie er meint, ungläubig ansieht, ergänzt er: „Mit dieser Kamera kann ich ganz gute Aufnahmen machen…“.

Sie wendet sich ab, beginnt, sich aus dem Bett zu schälen. Langsam. Und denkt daran, dass sie den Mond gerne mit ihm beobachtet hätte. Eine verpasste Gelegenheit, etwas zusammen zu machen. Sie hätten beginnen können, gemeinsam Geschichte zu schreiben. Ihre Geschichte. Aber er lässt sie schlafen. Aus purer Höflichkeit. Einer Höflichkeit, die einem Ratgeber wie „Der gute Ton“ vorschlagen.

Es gibt eine Höflichkeit des Herzens, sie ist der Liebe verwandt. Aus ihr entspringt die bequemste Form des äußeren Betragens.

Zitiert nach Johann Wolfgang Goethe, Wahlverwandtschaften

Ihrer Meinung nach hätte die Höflichkeit der Liebe ihn dazu bringen sollen, sie bei Vollmond sanft aufzuwecken, um das Spektakel gemeinsam erleben zu können. Ihr fehlte die spezifische Aufmerksamkeit in dieser Situation: ihre Beziehung wollte sie als etwas Besonderes sehen und dementsprechend viele Dinge zusammen erleben. Der Vollmond in der ersten gemeinsamen Nacht hätte die erste Perle auf der schier endlosen Kette der schönen Erlebnisse ihrer Gemeinsamkeiten werden können.

So war es eine verpasste Gelegenheit.

Sie beschoss: Das Jahr 2021, landläufig als zweites Coronajahr bekannt, wird das Jahr der Vollmonde. Jeden Monat zum Vollmond würde sie mit lieben Menschen etwas zusammen machen, etwas, an das sich alle gerne erinnern würden. Die Erkenntnis, dass der Mond Schatten wirft, inklusive.

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