Statt eines Generationenhauses

Mein Traum: mindestens drei Generationen unter einem Dach. Ökonomisch und sozial wäre mir diese Organisation des täglichen Lebens die liebste. Es ließe sich Geld sparen. Und alle würden sich im täglichen Miteinander darin üben, Sozialtheorie in der Praxis anzuwenden und sprachlich à jour zu bleiben. Ein Gewinn für das Börserl und das Hirn. In der Theorie.

In der Praxis sieht es anders aus … und bei genauerem Überlegen ist das vielleicht ganz gut so.

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In der Sandwichposition des Drei-Generationen-Gedankenexperiments bin ich mit Redensarten, die früher als Altersweisheiten rübergekommen sind, konfrontiert. Sehr beliebt bei uns: die goldene Mitte. Als Jugendliche lebte ich regelrecht im Sog der goldenen Mitte. Für brenzlige SItuationen, in die man gestolpert war oder die einem wenigstens drohten, war der Hinweis auf die goldene Mitte, die selbstverständlich immer, und zwar unhinterfragt, die beste Wahl war, ein Ausweg, wenn nicht die Rettung. Die Wahrheit lag so gut wie immer in der Mitte zwischen zwei Extremen. In meiner Familie hatten es Männer und Frauen mit dieser Einstellung weit gebracht, sie verdienten genug und waren in ihren Kreisen hoch geachtet.

Erstaunt hat mich kürzlich die Erkenntnis, dass die Redensart (oder Lebensweisheit) der goldenen Mitte nicht allen Vertreter:innen meiner Vorgängergenerationen geläufig ist. Man diskutiert dort genauso wie mit Jugendlichen über Auswege aus extremen Ansichten und Meinungen. Und zwar gerne endlos und ausufernd. Statt sich nach Austausch von Argumenten endlich dem Kompromiss zu nähern und integrativ, nämlich in die Mitte integrativ zu wirken. Ich fühlte mich wie ein Alien, als ich dem Austausch der Argumente, der sich irgendwann selbst replizierte, endlich die goldene Mitte als Idee entgegenstellte und die Diskutant:innen damit auf einen dritten Weg brachte. Wow, dachte ich, hätte ich nicht erwartet.

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Als jemand, die sehr spät auf Instagram immigrieren will, beobachte ich höchst interessiert, wie meine Tochter damit umgeht. Sie konsumiert. Und das nicht zu knapp. Dabei rezipiert sie das Gehörte und Gesehene völlig anders als ich. Themen kommen bei ihr anders an. Sie weiß nicht nur anderes über Themen, die gerade in sind, sie schätzt die gleichen Fakten auch völlig anders ein. Sie interpretiert Gegebenheiten komplett anders.

Kürzlich kommt sie zu mir und will mich warnen. „Mama, es ist ja schön, wenn Du jetzt so viel auf Instagram veröffentlichst, Aber sei vorsichtig, was Du sagst, …“ Sie bezieht sich dabei auf einen meiner Reposts, in dem eine junge Wissenschaftlerin die Prinzipien des wissenschaftlichen Prozesses erklärt, um Zweiflern möglichst plakativ Einsicht zu bieten, wie Unsicherheit im Laufe dieses Prozesses minimiert wird. Ich habe den mehrseitigen Post in meiner Story reposted, d.h. ich wollte die ganze Story reposten. Ist nur die erste Seite geworden.

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In einem Generationenhaus würden wir uns ständig mit solchen culture clashs beschäftigen. Praktisch. Und praktisch nicht ohne Auseinandersetzungen. Mir bliebe keine Zeit für reflektierende Überlegungen. In diesem Sinne bin ich froh, dass ich meine Wohnung mit einer teile, nicht mit drei Generationen.