Lektüre – und Leben live

Heute in der Früh lese ich einen Hinweis von Jutta, die auf „Hawisher&Selfe 2012“ verweist.

Ich schau hin und bin sofort gefixt – weil mich der Titel – Transnational Literate Lives in Digital Times –  neugierig macht und weil ich gleich am Anfang der Lektüre Sätze lese, die passen. Es geht um Identitätsbildung in einer multikulturellen Welt angesichts interkultureller Begegnungen im Leben wie im Cyber Space. Es geht darum, dass Personen, die über sich reden oder/und eine Geschichte erzählen, dabei immer auch politische, wirtschaftliche, religiöse, militärische und soziale, migratorische Umwälzungen miterzählen, dass ihre Geschichten und Erzählungen nie ohne dieses Eingebettetsein in die Welt passieren und nie ohne die Auseinandersetzung und das Verarbeiten davon entstehen würden. „These stories provide rich glimpses into individuals‘ localized literacy practices within particular cultures and their circulation within global contexts, as well as into their uses of digital communication technologies for both local and global exchanges.“ (aus dem Kapitel: Narrative as a Way of Knowing)

Ein Narrative braucht Kontext, frisst Kontext, schafft Kontext. Schreiben, so eine allgemeine Schlussfolgerung für mich als Lehrende, funktioniert nur unter Einsatz der Persönlichkeit. Davon wird sicher auch im PR-Texten die Rede sein…

Inwieweit das moderne Internet und die Webliteracy bzw. Media Literacy der jungen Leute mit der Entwicklung globaler und gleichzeitig lokaler Narrative zu tun hat, analysieren Hawisher&Selfe, die übrigens an der University of Illinois in Champaign-Urbana unterrichten, in ihrer auf Individuen bezogenen Studie. Sie ziehen aus den Narrativen einzelner Schlüsse und betten sie in die rasante Entwicklung der Telekommunikation wie des Internets ein.

Mir selbst passiert gleichzeitig ganz Ähnliches: Ich lese in dem Buch (das mehr eine Website mit multimedialen Inhalten wie Videos und Text, vollständig digital verfügbar, ist) und handle mich von einer interessanten Literaturangabe zur anderen. Lese sozusagen quer, wie man so schön sagt. Auf meinem Stand-PC im Büro. Dann höre ich plötzlich ein Klingeln, das ich nicht zuordnen kann. Auf die Schnelle sehe ich in keinem geöffneten Tab eine Aktivität, als ich hektisch durchzappe, hört es auch schon wieder auf. Ich widme mich wieder der Lektüre – und es beginnt wieder zu läuten, scharrend und kurz hintereinander. Ich weiß noch immer nicht, was es ist, als ich durch den geöffneten Facebook-Tab zappe. Meine Mutter, von der ich schon den ganzen Tag Nachricht erwartet habe, ruft aus Australien an! Und schon habe ich es weggeklickt.

Am Laptop, wo auch die Kamera funktioniert, rufe darauf ich sie an. Sie ist mit meiner Tochter, ihrer Enkelin in Australien. Zusammen fahren sie in einem Mobilhome die Westküste von Perth nach Monkey Mia. In Australien, das war mir schon vorher klar, herrscht keine Ntzabdeckung wie bei uns. Mobile Kommunikation ist dadurch eingeschränkt. Internet zwischen den Ballungszentren geht nur, wenn man sich auskennt und eine gewisse technische Webliteracy mitbringt. Am Handy mit australischer Simkarte funktioniert Facebook hingegen problemlos. Wir chatten (ohne Videoverbindung, weil zu schlechtes Netz bei ihr) und ich erkläre meiner Mutter, was sie machen soll, damit sie mit ihrem Laptop bei vorhandenem WLAN auch ins Internet kommt – und dass es ohne WLAN eben nicht geht.

Auf der anderen Seite meines Laptops sitzen zwei Generationen, die an Jahren durch mindestens eine getrennt sind. Meine Mutter ist am Ende des zweiten Weltkriegs geboren, also noch bevor Hobbes‘ Internet Timeline 12 überhaupt beginnt (sie beginnt mit der Einrichtung des ARPA als Advaced Research Projects Agency und mit dem ersten Satelliten, Sputnik der USSR im Jahr 1957). Meine Tochter hat gerade die Volksschule abgeschlossen, noch sind Spiele und Videos das Einzige, was sie am Handy interessiert.

Trotzdem, und das ist für mich als Intermediate, die die Entwicklung des Internets von Anfang an aktiv miterlebt hat, nicht überraschend, aber erstaunlich in seiner Simplizität: Wir kommunizieren von einer Seite der Welt auf die andere. Sie haben mir gestern, eingelockt ins WLAN eines Hotels, Fotos von ihnen und ihrem Auto geschickt. Sie schreiben Mails, wenn’s geht. Sie telefonieren zum Datentarif über facebook und nutzen damit das Smartphone im besten Sinne seiner Bestimmung. Ganz so, wie es die Werbung diverser Telekomanbieter zeigt. Ich stelle die Fotos auf den Blog unserer Familienreise und bin erstaunt, als ich beim telefonieren höre, dass sie diese Aktualisierung noch nicht gesehen haben – surfen ist eingeschränkt durch die Kommunikation, durchgehend WLAN haben sie eben nicht.

Was hat diese Praxis nun mit Hawisher&Selfe zu tun, eine Lektüre, die mich immer noch fesselt? Einerseits wird in diesem Beispiel die digital divide mehrmals sichtbar:

  • Die Netzabdeckung in Österreich und Australien unterscheiden sich stark.
  • Generationenübergreifend zeigen sich Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Umgang mit den Möglichkeiten der digitalen Kommunikationstechnologie.

Meine Tochter lebt in einer völlig anderen Welt als ich und meine Mutter. Sie hat mehr Möglichkeiten und andere – wenn sie sich darauf einlässt. Die Welt (das schreibt John Seely Brown und darauf beziehen sich Hawisher&Selfe auch) ist mit der Entwicklung der Kommunikationstechnologie viel flacher geworden (© Thomas L. Friedman 2005), ich kann mich heute mit google Maps und Streetview und Earth so gut wie überall hinbeamen und bin dort, auch wenn ich meinen Schreibtisch physisch nicht verlasse. Sie ist gleichzeitig aber auch sehr viel spitzer geworden, weil Erfolg viel stärker als jemals mit Wettbewerb zu tun hat, ökonomisch wie intellektuell, machtpolitisch wie auch was Bildungsstandards betrifft.

Andererseits bietet das kleine Beispiel auch Einblicke in die positiven Auswirkungen der Globalisierung. Damit bin ich wieder beim Titel der Lektüre: Transnational Literate Lives in Digital Times – für mich verheißt dieser Titel wunderbare Aussichten.