„Der größte Feind der Ironie ist die Naivität.“

Es macht Spaß, Univ.-Prof. Dr. Peter Filzmeier länger als im ORF üblich und möglich, zuzuhören. Es ist kurzweilig, weil man neue Erkenntnisse gewinnt, in anderen bestätigt wird und es ist gewonnene Zeit, weil die Aussagen des eloqenten, geübten Redners nie belanglos sind.

Einige der mir in Erinnerung gebliebenen Sager aus seinem Auftritt von COM15 Studierenden an der FH JOANNEUM am 26.2.2016 halte ich hier fest, indem ich das ihm in meiner Wahrnehmung wichtige aus einem eineinhalb Stunden Talk zusammenfasse.

Wann immer er vor Publikum oder im ORF rede, er lege Wert darauf, dass seine Aussagen als Wissenschaftler immer datengestützt seien. Er beziehe sich auf Studien, nicht immer natürlich tagesaktuelle Zahlen, aber immer passende Aussagen. Gerade er als Sozialwissenschafter verwende auch oft Fokusgruppen, mit dem Nachteil: „Die ergeben leider keine Balkendiagramme.“

Bei jedem dieser zahlreichen Auftritte würde er persönlich ausblende, wieviele Leute zuschauen. Und ja, in diese Rolle des immer wieder und immer öfter gerne gefragten Experten, vor allem in Wahlzeiten, da sei er hineingerutscht. Er habe, auf seine Fragen nach einem Medientraining für die mehr werdenden öffentlichen Fernsehauftritte, rasch seinen Stil gefunden. Das hätten ihm die Journalisten rückgemeldet. „Aber auch, weil ich immer irrsinnig viel gefragt habe.“

Dass er heute vor allem in der Krone und im ORF zu sehen und zu lesen sei, wäre ein Ergebnis einer Mischung aus strategischer Überlegung und Zufall. Er habe sich aufgrund der Erfahrungen seit 1998 eine gewissen Narrenfreiheit erarbeitet. Aber grundsätzlich entspreche er der Medienlogik. Denn wenn du als Studiengast in Steiermark heute zum Beispiel auch nur eine Minute überziehen würdest, verliere der ORF gleich Zehntausende Euro. Das könne ein Chefredakteur, auch wenn er einen noch so schätze, nicht gut verkraften oder argumentieren.

Live in einer Wahlberichterstattung, da rechne er selbst überhaupt nicht mehr. „nicht mal zwei mal zwei“. Was müssen man also tun, um trotz oder gerade in der Medienlogik gut rüber zu kommen? „Wie schon gesagt“, Spielräume hätte er sich gewisser Maßen erkämpft. Aber die Grundregeln gelte es zu akzeptieren. „Wenn man das nicht kann, dann, das akzeptier ich, geht man eben nicht hin. Medien verkürzen brutal. Das muss man akzeptieren.“

Eine weitere Medienlogik, der es zu entsprechen gelte, sei Professionalität. Deren größter Feind sei die Verknappung der Ressourcen. Es gehe nicht, so Originalton Peter Filzmeier, wenn ein Chefredakteur bei der Europawahl zu seinem Team sage: „Macht’s es wie bei der Nationalratswahl, aber mit 40 Prozent weniger Mittel.“

Ein Resultat dieser Akzpetanz der Medienregeln bzw. Medienlogik sei penible Vorbereitung.

Gegen Ende geht es ans Eingemachte, das gesellschaftspolitisch Interessanteste – das demokratiepolitisch Wichtigste: Das, was den Politologen Peter Filzmeier.

Analyse und Kommentar – Peter Filzmeier argumentiert mit einem Gerichtsurteil gegen die hartnäckige Legende, der ORF als Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk dürfe keine Kommentare senden. Das stimme nicht, sei auch objektiv falsch. Aber selbstredend gerne an Externe ausgelagert. Denn anders als in Print, funktioniere die Kennzeichnung nicht gut. In der Zeitung gäbe es ein Kästchen um den Kommentar, gerne auch noch ein Foto des Autors. Deshalb Filzmeier: „Der größte Feind der Ironie ist die Naivität.“

Was Filzmeier auszeichnet, ist, dass er Standpunkt bezieht.

Sehr erfolgreich, der Medienlogik entsprechend knapp und immer faktenbezogen. Viele Argumente und Fakten eignen sich lange dafür, viele sind Dauerbrenner, auch darum, weil sie einfach stimmen. Manches von dem, was Filzwieser an diesem Abend bei COM15 darlegt, steht – mit den gleichen Sagern – in diesem wunderbaren Porträt, geschrieben von Lukas Kapeller, im Datum aus dem Jahr 2007.

Wichtiger heute zu erfahren wäre, was Filzmeier über die Bundespräsidentenwahl denkt. Da lässt sich der Medienprofi jedoch nicht in die Karten schauen. Bei so vielen Kandidatinnen ist klar, dass „die Rohdaten derzeit keine über 20 Prozent ausweisen“. No na net.

Ein Hinweis hat mir aber doch sehr gut gefallen. Die John Steward Show inden USA zeigt die populärsten politischen Nachrichten dort. Diese Diagnose entspricht dem Trend: Die Tagespresse hier hat gerade sehr schnell viel Erfolg und die Heute-Show in D ist auch nicht von schlechten Eltern. Filzmeier06 Filzmeier01 Filzmeier02 Filzmeier05

Die Jugend von heute

So bezeichneten ältere Semester in meiner Jugend abfällig alles, was anders daherkam als sie selbst. Anders dachte als sie. Anders redete als sie. Anderes anzog als sie. Anders eben. Diese „Generationenkonflikte“ verursachten nicht selten regelrechte Erdbeben, lebenswirkliche und solche, die in Romanen stattfanden. Ich weiß noch, wie wir „Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre“ von Heimito von Doderer lesen und der Generationenkonflikt dort Thema unserer Literaturrezensionen ist. Aus der Sicht der Jüngeren fand ich damals den Konflikt einigermaßen konstruiert, das „Werk der Erzählkunst“, wie es Doderer nennt, hätte für mich auch ohne diese Konstruktion und übermäßige Relevanz des Generationenkonflikts funktioniert. Als Erzählung nämlich.

Heute gehöre ich selbst zu den Älteren und sehe, dass die Reaktion meiner Vorgängergeneration damals Ausdruck einer Entwicklung war, die nicht vermeidbar ist: Ich bin nicht davor gefeit, ganz genau so zu reagieren.

Aktuell fällt mir das bei den Aufnahmegesprächen mit dem Mediennachwuchs von heute und morgen auf: Wer am Studiengang „Journalismus und PR“ aufgenommen werden will, muss was mit Medien zu tun haben – meine ich, und ich werde mich nicht überschätzen, wenn ich sage, dass das auch der Meinung meiner Kolleginnen und Kollegen entspricht. Im Vergleich mit den 18- und 19-jährigen jungen Menschen, die uns gegenüber sitzen, gehören wir zu den Alten – und die Situation stellt sich öfter, als mir lieb ist, genau so dar, wie in der Literatur beschrieben: Generationenkonflikte tun sich auf wie Gletscherspalten.

Von Medienwissen oder Medieninteresse so gut wie keine Spur.

Das hat mit der Medienentwicklung zu tun – denn Veränderungen gerade auf diesem Gebiet haben sich noch nie so schnell abgespielt – und die Jungen, die uns heute gegenüber sitzen können gar nicht anders: Sie haben zwangsläufig eine andere Weltsicht als wir entwickelt.

(1) Differenzierung der Medienlandschaft greift viel zu kurz: Es handel sich um eine Atomisierung der Medien: Wenn BewerberInnen sagen, sie lesen DIE ZEITUNG, meinen sie jenes Blatt, das im Elternhaus abonniert ist und am Frühstückstisch liegt.

(2) Nachrichten werden wahrgenommen, wenn das Thema irgendwas mit ihnen selbst bzw. mit ihnen persönlich zu tun hat. Auf die Frage, welche Themen das denn sind, kommt viel zu oft nichts – und ich stelle mir die Frage, wie lokal Journalismus denn werden muss, um die Menschen mit ihren kleinen, feinen Horizonten überhaupt zu erreichen.

(3) Leitmedien???!? – mittlerweile ein Wort der Satire. Die Nachricht ist tot. Nachrichten sind out. Jungen Leuten, jedenfalls den meisten, die bei uns studieren wollen, gehen Medien so am A… vorbei, dass es mich nicht wundert, wenn sie in ihren Bewerbungsschreiben von großem Interesse an „Meiden, PR und Werbung“ schreiben.

(4) „Internet“ – das einzige Medium.

(5) Junge Leute unterscheiden in ihren Bewerbungsgesprächen so gut wie gar nicht zwischen einzelnen APPs, Seiten verschiedener Tageszeitungen oder Social Media Anwendungen. Undifferenziert wird auf die Frage nach dem Medienkonsum das Internet genannt.

(6) Gleichzeitig herrscht große Skepsis, eigene Daten im Internet zu veröffentlichen.

(7) Das Red Bulletin, Corporate Publishing des Unternehmens Red Bull, wird z.B. als nicht glaubwürdig eingestuft, weil es die Philosophie und die Marke Red Bull promotet – ohne jemals zu überlegen, wie es mit den Informationen im landläufig als neutral eingestuften Internet aussieht.

Wenn ich an dem, was Maturantinnen und Maturanten in einem Aufnahmegespräch für das Bachelorstudium „Journalismus und PR“ über Medien und ihren Umgang damit preisgeben, dann stelle ich mir die Frage, wie eine zukünftige Gesellschaft aussehen wird: Wer wird die Themen in der Gesellschaft prägen? Wer wird bestimmen, welche Themen wie diskutiert werden? Wer wird überhaupt Richtungsentscheidungen tätigen?

Für heute lasse ich es bei dem Video „Die geheime Macht von Google“. Das ist heute in Phönix gelaufen – und Ende 2014 im ARD. Ulrich Stein hat penibel recherchiert und zeigt die für die Welt und die Menschen beklemmende Realität eines Monopolisten, der ein globaler Player ist und dem wenige Vieles aber in Summe (noch) nicht genug entgegensetzen können. Wenn ich mir vergegenwärtige, dass vor kurzer Zeit die Entscheidung für das Internet der zwei Geschwindigkeiten gefällt wurde (vgl. dazu die Diskussion um Roaminggebühren und damit verbunden um Netzneutralität in der EU), stellt sich die Frage der Macht mit Macht.

Ich schreibe zu wenig – und lese zu viel

Schuld ist der Gedankenrekorder: noch nicht erfunden!

Stattdessen sind wir, die Menschen von heute, unterschiedlich alt, unterschiedlich digital aufgewachsen, gleichermaßen betroffen, ständig überwacht. Wenn ich Fotos von meinem android Handy „wegspeichern“ will (weil ich mehr freiehn Speicherplatz am Handy benötige), dann geht das ganz leicht, über die Cloud. Von Apple oder google+ oder dropbox. Hänge ich ein Kabel an mein android und verbinde es mit dem MacBook, dann funktioniert die Übertragung erst beim dritten Mal. Zweimal hängt sich das android nämlich auf und ich muss wieder von vorne beginnen. – Ein Schelm, wer da an Politik dahinter denkt.

Ich lese. Bin ungeduldig, wenn DIE ZEIT erst am Freitag in meinem Postkasten liegt. Und verfluche die Zustellung, wenn DER SPIEGEL nicht am Montag dort zu finden ist. Dann täglich die Kleine Zeitung und Der Standard. Zum Frühstückskaffee als Printausgabe.

Sehr viel öfter als aufgezeichnet finden sich in diesen Zeitungen und Magazinen gut recherchierte Artikel, die es wert sind, kommentiert zu werden. Ich belasse es leider bei den Gedanken daran. Ohne Gedankenrekorder bin ich aufgeschmissen. Das war mit 17 so und ist es immer noch. Keine kommunikationstechnologische Erfindung hat daran etwas geändert. Denn alles, was diese wirklich tollen Erfindungen und Plattformen ermöglichen, muss ich fast zwangsläufig sofort sharen.

Wir, behaupte ich jetzt mal im Namen der Menschheit, die mit diesen Technologien gesegnet ist, sind nicht dafür geschaffen, alles sofort sozial und öffentlich zu machen. Genau das tun wir aber.

Ich habe in ein paar Monaten über dreitausend Fotos auf meinem Handy gespeichert. Viel zu viele. Die verhindern, dass ich neue Apps zum Ausprobieren rauflade. Wenn ich sie jetzt, wie oben beschrieben, mühsam auf den Laptop lade, dann werden sie auch dort in Kürze meine Speicherkapazitäten ausschöpfen.

Ich habe auch viele Seiten mit interessanten Artikeln aus den Zeitungen und Magazinen gestapelt in meinen Zimmern – irgendwann wird auch das ein Speicherproblem.

Ab sofort schreibe ich mehr. Und werfe dann die Zeitungsseiten und nicht verwendeten Fotos weg. Produzieren statt konsumieren. Ist das nicht das Mantra des Netzes: Jeder ist Produzent. Was mich davon abhält ist die eigene Bequemlichkeit und die Zeit, die für’s Lesen draufgeht.