MOOCs und österreichischer Hochschulraum

Gestern fand an der FH JOANNEUM ein interessanter/kleiner Vortrag/Workshop zum Thema „Auswirkungen amerikanischer MOOCs auf den österreichischen Hochschulraum“ statt. Hermann Berndt (MEM, Compliance in Emerging Markets), neben Jutta Pauschenwein der Initiator und Vortragende, sammelte im Rahmen seines Auslandaufenthaltes in den USA Erfahrungen über die Strategie von MOOCs amerikanischer Eliteuniversitäten. Er referierte vor allem anlässlich einer Diskussion im öffentlichen Fernsehen, bei der Vertreter von Universitäten und Anbieter von MOOC-Plattformen wie edX und coursera über die Möglichkeiten von MOOCs als Bildungsrevolution sprachen.

Das dort diskutierte MOOC business model stellte sich als gobaler Ansatz dar, MOOCs aus den USA auf die ganze Welt zu exportieren. Dahinter, so finanzielle und volkswirtschaftliche Überlegungen, stehe das Ziel, Bildung billiger zu machen – vor dem Hintergrund von student loans, wie sie in Amerika gang und gäbe sind, kein abwegiger Gedanke. Obama mache eine „affordable education tour“ u.a. mit einer zentralen Botschaft: „We’ve got to shape up the current system.“

Man spricht von „unlimited growth” und dem „human right to education”, ja sogar von „education democracy” und davon, dass alle interessierten Studierenden die besten Lehrer bekommen sollen.

Fragt man nach dem Businessmodell dahinter, dann kam die Idee auf, die Gelder sollten direkt aus der Entwicklungshilfe kommen. Nicht an die Schwellenländer ausbezahlt, sondern den Universitäten zur Verfügung gestellt.

Ich fand diese erweiterte Sichtweise erfrischend und interessant: Tatsächlich ist durchaus denkbar, dass Teilnahmebestätigungen von MOOCs in verschiedenen Ländern durchaus mit Respekt gesehen werden und mit Renommee verbunden sind. Jürgen Handke , der the virtual linguistics campus an der Uni Marburg ins Leben gerufen hat, sagte an der #gmw13 auch, dass die Teilnahmebestätigungen der drei angebotenen Linguistics-MOOCs vor allem in Entwicklungsländern großes Interesse erzeugen.

Die ethische Komponente eines solchen Vorgehens wird dabei nicht diskutiert. Amerikaner, so die Diskussion gestern, würden dabei auch keine Skrupel zeigen.

Die Frage nach den Auswirkungen der amerikanischen MOOCs auf den österreichischen Hochschulraum wurde von den Kolleginnen und Kollegen nicht als Konkurrenz wahrgenommen. Man sprach von möglicher Inflation von Elitebildung und davon, dass MOOCs keine offiziellen Studien und schon gar nicht Titel ersetzen könnten. Viel eher müsste man das Augenmerk auf open educational resources (OER) lenken: Amerikanische Unis sind viel weiter als mitteleuropäische darin, ihre Lernmaterialien der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das sei ihr großes Plus und ein nicht unerheblicher Marketingfaktor.

Eine meiner Meinung nach sehr gute Idee wurde gegen Ende der Diskussion aufgebracht: Wie wäre es, an einer Hochschule wie der FH JOANNEUM, die in ihren drei weit auseinanderliegenden Standorten nicht immer als eine Einheit wahrgenommen wird, Wahlfächer als MOOC oder ähnlich organisierte Kurse anbieten würde. Das würde, so die Idee, die Attraktivität des Studiums hier für Studierende steigern.

Einfache Schritte in andere Welten

Von Martin Suter habe ich in diesem Sommer drei, vier Bücher gelesen, eines faszinierender als das andere. Und zwar, sowohl was die Geschichte betrifft – mehr noch aber aufgrund der klaren, einfachen, und doch so vielfältigen Sprache. Mit Worten schafft Suter Atmosphären, die niemals anzüglich, aber immer intensiv erleben lassen: Als Leserin ist man mitten drin im Geschehen und trotzdem auch Beobachterin.

Mir ging es so mit „Allmen und die Libellen“, „Allmen und der rosa Diamant“, „Der Koch“ und „Small World“.

Allmen ist für mich sowieso ein Charakter, dem ich sehr viel abgewinnen kann: ein Feingeist, der Klavier spielt, im Gartenhaus seiner ehemaligen Villa mit einem persönlichen Butler lebt, der sich mit den Jahren vom Diener selbstverständlich in einen Gefährten wandelte. Die zwei pflegen eine intime Sprache der Zweisamkeit, ohne sich jemals zu nah zu kommen. Aus der Not heraus gründen sie zusammen ein Geschäft, in das jeder zur einträglichen Geschäftstätigkeit genau das einbringt, was er am besten kann. Keiner verbiegt sich. Keiner spielt was vor. Im Gegenteil: Allmen lebt vom Spiel mit Nuancen und seinem untadelhaften Auftreten. Mit diesen Qualitäten ist er jeder Situation gewachsen. Carlos, das Faktotum, ist die personifizierte Sicherheit in der Beziehung der zwei. Und schon im Laufe der zwei ersten Bücher der Allmen-Reihe emazipiert er sich: Sicherheit ist die Zukunft.

Mit „Der Koch“ wiederum gelingt Suter einerseits eine Milieustudie (das schwierigen Leben von Migranten im reichen Europa) und andererseits ein Kriminalroman mit überraschenden Wendungen. Suter spielt mit den Irrungen des menschlichen Gefühls, den Verstrickungen, denen man sich oft freiwillig aussetzt, aus Liebe – und zeichnet gleichzeitig minutiös und faktentreu praktische Gegebenheiten, wie sie in den Sozialgebilden Mitteleuropas Gang und Gäbe sind, auf. Suter ist in seinen Stoffen und Romanhandlungen ein Chronist unserer Zeit.

Genau damit arbeitet er auch in „Small World“: Alzheimer, in mehreren literarischen Werken als Krankheit unserer Zeit gebrandmarkt, ist hier Protagonist und Hintergrundfolie zugleich – alles dreht sich darum und doch entspannt sich davor und damit eine höchst hintergründige Kriminalgeschichte, die die Leserin fesselt. Ich lege die Bücher Suters, einmal angefangen, nur ungern wieder weg, bevor sie durchgelesen sind. Das Bild seiner Welt prägt sich mir so viel besser ein und ist lange erinnerlich. Das erlaubt mir den Eintritt noch Tage nach der letzten Seite. Seine Sprache eröffnet ein Tor, und ich kann noch lange nach dem Lesen der letzten Seite in die dort gezeichnete Welt einsteigen. Einfach so. Eskapismus durch ganz normale Buchstaben auf Buchseiten. Schön.

Martin Suter: Allmen und die Libellen. Roman. Diogenes Verlag, Taschenbuch.

Martin Suter: Allmen und der rosa Diamant. Roman. Diogenes Verlag, Taschenbuch.

Martin Suter: Der Koch. Roman. Diogenes Verlag, Taschenbuch.

Martin Suter: Small World. Roman. Diogenes Verlag, 1997 (detebe 23088).

Resümee über #gmw13

Ganze drei Tage der Diskussion mit eLearning-Expertinnen und Experten widmen können – das war mir Anfang dieser Woche an der Goethe Uni Frankfurt vergönnt. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen hatte ich bei der GMW13 Gelegenheit, das deutschsprachige Konzept der footprints of emergence vorzustellen und zu diskutieren (siehe diesen blogpost).

Darüber hinaus gab’s aber natürlich viele andere Themen, die mich als Lehrende an einem Journalismus- und PR-Studiengang besonders interessierten.

Gleich am Montag wurde das Konzept des inverted oder flipped classroom (ICM = Inverted Classroom Model) mein „topic of choice“ – nicht zuletzt auch darum, weil ich Jörn Loviscach und Christian Spannagel schon bei einer quasi privaten Recherche im Netz kennengelernt habe: die zwei machen Mathematikunterricht auf höchst interessante und spannende Art (davon profitieren auch Nachhilfe suchende Eltern, die ihrem noch schulpflichtigen Nachwuchs voraus sein oder wenigstens nicht zu weit nachhinken möchten). Für den Workshop „Elemente und Aspekte des Inverted Classroom Model“ haben sich die zwei mit Jürgen Handke, einem enthusiastischen Anglist und Linguisten der Uni Marburg zusammen getan – entsprechend vielfältig, interessant und mitreißend war für mich dann auch die Info an diesem ersten Tag der Konferenz.

Die drei nutzen das Konzept sehr puristisch und sprechen nach einigen Jahren Praxis sogar davon, dass sie überlegen oder bereits dran sind, die nun vorhandenen multimedialen Inhalte auch als MOOC zu konzipieren und breiter anzubieten. Christian Spannagels Mathemooc „Mathematisch denken“, der im Herbst startet, und die am Virtual Linguistic Campus Marburg angebotenen als MOOC konzipierten Kurse stehen beispielhaft dafür.

Ich werde mich von diesem Modell inspirieren lassen und Elemente davon in meinen Unterricht einbauen. Inwieweit und wann es sich dann ausgeht, bereits eine VL über ein ganzes Semester nach diesem Prinzip auszurichten, kann ich jetzt noch nicht sagen. Es wird davon abhängen, wie schnell ich meinen Stoff in entsprechende multimediale Materialien „übersetzen“ kann – wobei, wie ich am Montag hörte, Authentizität vor Perfektion gereiht werden sollte.

Echt für das IMC eingenommen hat mich die Vielfalt und Lebendigkeit der dem Selbststudium nachgereihten Präsenzeinheiten: Wenn ich mit meinen Studierenden auf der Basis ähnlicher Literatur- und Beispielerfahrungen über mediensoziologische Entwicklungen und Auswirkungen sprechen könnte, würden wir insgesamt viel weiter kommen. Weiter im Sinne von intensiverer Beschäftigung und Auseinandersetzung mit thematischen Fragen und Problemen. Das halte ich auch im Hinblick darauf, dass meine Studierenden und ich ja völlig unterschiedliche Medienerlebnisse und Medienerfahrungen mitbringen, für erfolgversprechend.

The future is already here – it is just unevenly distributed

Ein weiteres Highlight war für mich die Keynote von Larry Johnson, CEO des New Media Consortium, das jährlich den Horizon Report (auch in deutscher Übersetzung) und – in Zusammenarbeit mit dem Gartner Institut – einen z.B. auch übersichtliche Grafiken zum Hype Cycle neuer Technologien veröffentlicht.

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Openness , so die aktuell notierten Trends, bekommt im Zusammenhang mit neuen Technologien in der Lehre einen ganz neuen Geschmack, denn, so Larry Johnson, „our stategic thinking is based on a world that no longer exists.“ Nicht nur IST da immer auch eine andere Perspektive (z.B. das Bild einer Gebirgskette im Sonnenaufgang als schönes Foto, sondern auch die Reihe der Fotografen im noch vorhandenen Halbdunkel, die darauf wartet, genau das einzigartige Foto zu schießen) – wir als Lehrende sind auch gezwungen, diese andere Perspektive aktiv zur Kenntnis zu nehmen.

The network connects us — the network changes us — the network helps us — the network is us! And there is no network without us.

Spätestens seit Edward Snowdon, so Larry Johnson, gilt: “The internet is a mechanism for freedom and this is the world our students live in.”