Resümee über #gmw13

Ganze drei Tage der Diskussion mit eLearning-Expertinnen und Experten widmen können – das war mir Anfang dieser Woche an der Goethe Uni Frankfurt vergönnt. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen hatte ich bei der GMW13 Gelegenheit, das deutschsprachige Konzept der footprints of emergence vorzustellen und zu diskutieren (siehe diesen blogpost).

Darüber hinaus gab’s aber natürlich viele andere Themen, die mich als Lehrende an einem Journalismus- und PR-Studiengang besonders interessierten.

Gleich am Montag wurde das Konzept des inverted oder flipped classroom (ICM = Inverted Classroom Model) mein „topic of choice“ – nicht zuletzt auch darum, weil ich Jörn Loviscach und Christian Spannagel schon bei einer quasi privaten Recherche im Netz kennengelernt habe: die zwei machen Mathematikunterricht auf höchst interessante und spannende Art (davon profitieren auch Nachhilfe suchende Eltern, die ihrem noch schulpflichtigen Nachwuchs voraus sein oder wenigstens nicht zu weit nachhinken möchten). Für den Workshop „Elemente und Aspekte des Inverted Classroom Model“ haben sich die zwei mit Jürgen Handke, einem enthusiastischen Anglist und Linguisten der Uni Marburg zusammen getan – entsprechend vielfältig, interessant und mitreißend war für mich dann auch die Info an diesem ersten Tag der Konferenz.

Die drei nutzen das Konzept sehr puristisch und sprechen nach einigen Jahren Praxis sogar davon, dass sie überlegen oder bereits dran sind, die nun vorhandenen multimedialen Inhalte auch als MOOC zu konzipieren und breiter anzubieten. Christian Spannagels Mathemooc „Mathematisch denken“, der im Herbst startet, und die am Virtual Linguistic Campus Marburg angebotenen als MOOC konzipierten Kurse stehen beispielhaft dafür.

Ich werde mich von diesem Modell inspirieren lassen und Elemente davon in meinen Unterricht einbauen. Inwieweit und wann es sich dann ausgeht, bereits eine VL über ein ganzes Semester nach diesem Prinzip auszurichten, kann ich jetzt noch nicht sagen. Es wird davon abhängen, wie schnell ich meinen Stoff in entsprechende multimediale Materialien „übersetzen“ kann – wobei, wie ich am Montag hörte, Authentizität vor Perfektion gereiht werden sollte.

Echt für das IMC eingenommen hat mich die Vielfalt und Lebendigkeit der dem Selbststudium nachgereihten Präsenzeinheiten: Wenn ich mit meinen Studierenden auf der Basis ähnlicher Literatur- und Beispielerfahrungen über mediensoziologische Entwicklungen und Auswirkungen sprechen könnte, würden wir insgesamt viel weiter kommen. Weiter im Sinne von intensiverer Beschäftigung und Auseinandersetzung mit thematischen Fragen und Problemen. Das halte ich auch im Hinblick darauf, dass meine Studierenden und ich ja völlig unterschiedliche Medienerlebnisse und Medienerfahrungen mitbringen, für erfolgversprechend.

The future is already here – it is just unevenly distributed

Ein weiteres Highlight war für mich die Keynote von Larry Johnson, CEO des New Media Consortium, das jährlich den Horizon Report (auch in deutscher Übersetzung) und – in Zusammenarbeit mit dem Gartner Institut – einen z.B. auch übersichtliche Grafiken zum Hype Cycle neuer Technologien veröffentlicht.

horizon2horizon1jump in horizon

Openness , so die aktuell notierten Trends, bekommt im Zusammenhang mit neuen Technologien in der Lehre einen ganz neuen Geschmack, denn, so Larry Johnson, „our stategic thinking is based on a world that no longer exists.“ Nicht nur IST da immer auch eine andere Perspektive (z.B. das Bild einer Gebirgskette im Sonnenaufgang als schönes Foto, sondern auch die Reihe der Fotografen im noch vorhandenen Halbdunkel, die darauf wartet, genau das einzigartige Foto zu schießen) – wir als Lehrende sind auch gezwungen, diese andere Perspektive aktiv zur Kenntnis zu nehmen.

The network connects us — the network changes us — the network helps us — the network is us! And there is no network without us.

Spätestens seit Edward Snowdon, so Larry Johnson, gilt: “The internet is a mechanism for freedom and this is the world our students live in.”

footprints of emergence – Überlegungen zum Workshop bei gmw13

Gestern, Mittwoch, hielt ich mit meinen Kolleginnen Jutta Pauschenwein und Erika Pernold bei der diesjährigen Tagung der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft (gmw13) einen Workshop zum Thema „Footprints of emergence – eine aussagekräftige Evaluierungsmethode für moderne Lernszenarien“ – und wir hatten davor auch die Gelegenheit, unser Thema im Rahmen einer Postersession vorzustellen.

ws gesamt

Einige Fragen und Überlegungen spuken mir seitdem im Kopf herum – befeuert durch die hinterfragenden Kommentare der Gäste vor dem Poster und der TeilnehmerInnen am Workshop. Da passt es gut, dass Jenny Mackness und Roy Williams, die zusammen die Idee der Footprints aufgebracht haben, gleichzeitig an einer Weiterentwicklung arbeiten: Die footprints als Möglichkeit, Spuren von emergent learning festzuhalten, sind faszinierend in ihrer ikonografischen Kraft UND Aussagekraft, sie wirken visuell UND exakt – ein Widerspruch in sich.

Jutta, Erika und ich – wir sind vor ungefähr einem Jahr von den footprints „geangelt“ worden (so drücke ich es am liebsten aus, auch wenn das Bild auf deutsch etwas wackelig wirkt). Wow, habe ich mir beim Lesen der ersten Artikel von Jenny und Roy darüber gedacht – und mich sofort an die Übertragung der 25 Faktoren, mit denen Jenny und Roy emergent learning erfassen, vom Englischen ins Deutsche gemacht. Bald saßen Jutta, Erika und ich zu dritt an der Übersetzung – und kämpften mit den verschieden Eigenschaften und Konnotationen der deutschen und englischen Begriffe. (Jutta hat bisher ihre Beschäftigung mit den und die Entwicklung der deutschsprachigen footprints am besten auf dem zml-Blog zusammengefaßt.)

Ich bin heute immer noch und nach dem WS bei der gmw13 noch mehr der Meinung, dass die Gesamtschau der 25 Begriffe, die Jenny und Roy in vier Cluster zusammenfassten (Open/Structure, Interactive Environment, Agency, Presence/Writing) eine umfassende Beschreibung der Qualität und des Vorhandenseins von emergent learning ist. Ein gelungender Versuch, die komplexen Vorgänge, die Voraussetzung, Bedingung und Geschehen bei emergent learning sind, zu kategorisieren.

In unserem WS mit den eLearning-Expertinnen und Experten der gmw13 erwies sich jedoch einmal mehr die Skalierung jedes einzelnen Faktors zwischen 1 und >30 als die eine große Frage, Fußangel, und Unschärfe. In den Gesprächen am WS bekam ich das Gefühl, die ikonografische Aussagekraft der footprints würde leiden, sobald empirisch und statistisch sozialisierte Personen über die „Bewertung“ jedes Faktors auf einer Skala von 1 bis >30 zu lange nachdenken könnten. Es täte mir um die footrpints leid, wenn man in der Diskusison darüber exakte mathematische Diagramme als Folie dafür hernehmen würde. Das sind die footprints nämlich nicht.

Aus diesem Grund habe ich für den Workshop als Designerin zwei footprints erstellt: einen auf unserem deutschsprachigen excel-Sheet und einen auf dem Word-Dokument von Roy und Jenny, das wie die Palette eines Malers zu benutzen ist: man folgt bei der Erstellung eines footprints seiner Intuition, man zeichnet ihn viel eher, als dass man kognitiv-numerische Maßstäbe heranzieht und damit eher bewertet.

workshop gmw13 .xlsxws gmw aus designersicht nachher

Ich bin froh, dass die zwei footprints, die sich ja auf ein und dieselbe Lernerfahrung (aus der Sicht der Designerin) beziehen in ihrer Tendenz ähnlich sind. Das Gefühl und das Erlebnis bei der Erstellung allerdings habe ich als völlig verschieden erlebt. Darüber mehr bei nächster Gelegenheit.

 

PS und Nachtrag am 10. September:

Grade habe ich gesehen, dass unsere spontane Zusammenfassung des Workshops, die Jutta, Erika und ich gleich nach der Veranstaltung ins Mikrophon des Kameramanns von studium digitale der Goethe-Uni online gegangen ist. Ab Minute 14:18 des Videos hier kann man es nachhören.

 

PS und noch ein Nachtrag am 11. September:

Grade habe ich erfahren, dass unser Plakat „footprints of emergence“ als best poster prämiiert wurde! Wenn wir den Preis erhalten haben, werden Jutta, Erika und ich sicher feiern.

Didaktisch MOOCen – Dewey and emerging learning #MMC13

Die zweite Woche des #MMC13 ist weit fortgeschritten, und bevor die Diskussionen zur Didaktik im MOOC ganz an mir vorbei gehen, nütze ich die Nacht…

… und stelle fest, dass ich leider weit entfernt von der idealen MOOC-Teilnehmerin bin, wie sie Yvonne Stragies in ihrem Blog Bildungsdialoge zuerst verbal, dann dankenswerter Weise auch geschrieben höchst strukturiert beschreibt. Als „nichts leichter als das“ erlebe ich das Lernen im MOOC bestimmt nicht, zu unstrukturiert ist mein eigener Umgang mit der Fülle an Material, zu wenig selbstverständlich nutze ich die sozialen Medien, leider, stelle ich fest. Und trotzdem erlebe ich Lernen in einer Form, wie sie mir Spaß macht: Der MOOC, und speziell dieser hier, kommt mir vor wie eine riesige Bibliothek mit Freihandaufstellung. Vom einen Punkt meines Interesses fällt mein Blick gleich auf den nächsten, und so ziehen mich die Lernerlebnisse hinein in tatsächlich neue Welten. Aus der ersten Woche nehme ich Mozilla Popcorn mit (und verfange mich gleich für Tage in der Erstellung meines ersten Videos, unvollendet bisher).

… in der zweiten Woche, und treffe auf einen neuen Namen, und zwar aus Frust: Der Diskussion um xMOOCs oder cMOOCs möchte ich zur Zeit nicht folgen. Ähnlich wie bei Jutta gilt mein Interesse den cMOOCs, xMOOCs stehen gar nicht auf meinem Radar. Und doch: Widerspruch erregt mein Interesse, auch wenn der Widerspruch wie jetzt in meinem Kopf stattfindet. Wenn die Unterscheidung zwischen x- und cMOOCs bei #MMC13 gerade ein Thema ist, dann warum? warum so ausführlich? warum sogar soweit, dass man sich gegen den Vorwurf, ein xMOOC zu sein, verteidigen musste? (und bei dieser Gelegenheit dann lang und breit – thx! – die Rolle der GastgeberInnen in MOOCs diskutierte!)

… und in diesem Zusammenhang taucht Dewey auf: Bis ich schnallte, dass sich hinter der Kategorisierung von Reich (2012) bei Dewey ein Pionier der Pädagogik verbarg, brauchte ich google. Gehookt hat mich die rote, alles in allem doch als flapsig wahrgenommene Bemerkung. Der musste ich auf den Grund gehen.

reich 2012

 

Auf Deweys „pädagogische Vision“ referiert Justin Reich – und Google liefert dazu einen Mann aus dem vergangenen Jahrhundert, der aussieht, wie Westernhelden dargestellt wurden. Emerging Learning zu Beginn des 20. Jahrhunderts! Die guten Ideen scheinen tatsächlich schon mal da gewesen zu sein. (Aber dazu mehr an anderer Stelle :))