Links in dieser Woche 40/2015

Visuelle Kommunikation kommt auf promintenten Plätzen vor:

Der BigDrawDay fand am Samstag, 2. Oktober statt. Die KleineZeitung erschien dafür mit Zeichnungen statt Fotos – alles, was sonst an Fotos redaktionell eingebaut worden wäre, wurde gezeichnet. Im Besprechungsraum neben dem Newsroom im Styria Media Tower war deshalb schon am Freitag der Teufel los.

Die Zeitung am Samstag bestach durch neue, konzeptionelle Tiefe – meine ich jedenfalls.

Mit visueller Kommunikation ging auch die Zeit diese Woche um: Sie veröffentlichte eine Ausgabe, die ein Flüchtlingsspecial sein sollte. Sie gingen anders mit dem Thema um als anderswo. Sie ließen Flüchtlinge zu Wort kommen und die kommentierten Fotos, auf denen typisch Deutsche und typisch deutsche Szenen zu sehen waren. Das erinnert ein bisschen an Das „Fest des Huhns„, allerdings ohne Satire beabsichtigt zu haben. Fotos/Bilder wirken direkt – allerdings abhängig vom Vorwissen der Betrachter.

Wie stark Rollen und das Bewußtsein dafür unsere Sicht auf die Welt und die Interpretation dessen, was geschieht, prägen, lese ich auch aus dem nächsten Link: Der Balkanist, im August 2015 zwei Jahre alt geworden, schrieb in einem seiner ersten Artikel darüber, wie man als westliche Journalistin über den Balkan schreiben soll. Das Deja-vu ereilte mich schon davor, als ich Lukas Kapellers heute veröffentlichten Artikel über Belgrad als Touristenstadt las.

Den Balkan als Rechercheziel gibt es, weil ich Ende Oktober mit Studierenden und meinem Kollegen Thomas Wolkinger die Ehre haben werde, das Land oder die Länder kennen zu lernen. Bisher war ich selbst auch nur als Touristin in diesem Süden. Das wird sich Gott sei Dank jetzt ändern.

Irgendwie realisiert sich damit ein Traum – und weil Traum auch sonst hier ein Thema ist, halte ich auch das dritte Thema noch fest: „Der ferne Klang“ von Franz Schreker in der Grazer Oper – selten habe ich eine derart packende Oper erlebt. Und das völlig überraschend. Ich kannte Franz Schreker nicht, hatte noch nie seinen Namen gehört. Nur die Kritik in der Kleinen Zeitung nach der Premiere hatte ich gelesen. Was Musik, Gesang, Bühnenbild und Kostüme da am Samstag auf der Bühne zeigten, fesselte mich nachhaltig. Da wurde mit Musik und Bildern erzählt, ohne zwanghaft eine durchgängige Geschichte zu erzählen. Nicht nur zwischen den Aufzügen, auch innerhalb der Szenen blieben Dinge offen, Gedanken hängen und Bilder unvollständig oder undurchsichtig – man konnte reinsteigen und seine eigenen Interpretationen spinnen. Schön war das.

Lektüre – und Leben live

Heute in der Früh lese ich einen Hinweis von Jutta, die auf „Hawisher&Selfe 2012“ verweist.

Ich schau hin und bin sofort gefixt – weil mich der Titel – Transnational Literate Lives in Digital Times –  neugierig macht und weil ich gleich am Anfang der Lektüre Sätze lese, die passen. Es geht um Identitätsbildung in einer multikulturellen Welt angesichts interkultureller Begegnungen im Leben wie im Cyber Space. Es geht darum, dass Personen, die über sich reden oder/und eine Geschichte erzählen, dabei immer auch politische, wirtschaftliche, religiöse, militärische und soziale, migratorische Umwälzungen miterzählen, dass ihre Geschichten und Erzählungen nie ohne dieses Eingebettetsein in die Welt passieren und nie ohne die Auseinandersetzung und das Verarbeiten davon entstehen würden. „These stories provide rich glimpses into individuals‘ localized literacy practices within particular cultures and their circulation within global contexts, as well as into their uses of digital communication technologies for both local and global exchanges.“ (aus dem Kapitel: Narrative as a Way of Knowing)

Ein Narrative braucht Kontext, frisst Kontext, schafft Kontext. Schreiben, so eine allgemeine Schlussfolgerung für mich als Lehrende, funktioniert nur unter Einsatz der Persönlichkeit. Davon wird sicher auch im PR-Texten die Rede sein…

Inwieweit das moderne Internet und die Webliteracy bzw. Media Literacy der jungen Leute mit der Entwicklung globaler und gleichzeitig lokaler Narrative zu tun hat, analysieren Hawisher&Selfe, die übrigens an der University of Illinois in Champaign-Urbana unterrichten, in ihrer auf Individuen bezogenen Studie. Sie ziehen aus den Narrativen einzelner Schlüsse und betten sie in die rasante Entwicklung der Telekommunikation wie des Internets ein.

Mir selbst passiert gleichzeitig ganz Ähnliches: Ich lese in dem Buch (das mehr eine Website mit multimedialen Inhalten wie Videos und Text, vollständig digital verfügbar, ist) und handle mich von einer interessanten Literaturangabe zur anderen. Lese sozusagen quer, wie man so schön sagt. Auf meinem Stand-PC im Büro. Dann höre ich plötzlich ein Klingeln, das ich nicht zuordnen kann. Auf die Schnelle sehe ich in keinem geöffneten Tab eine Aktivität, als ich hektisch durchzappe, hört es auch schon wieder auf. Ich widme mich wieder der Lektüre – und es beginnt wieder zu läuten, scharrend und kurz hintereinander. Ich weiß noch immer nicht, was es ist, als ich durch den geöffneten Facebook-Tab zappe. Meine Mutter, von der ich schon den ganzen Tag Nachricht erwartet habe, ruft aus Australien an! Und schon habe ich es weggeklickt.

Am Laptop, wo auch die Kamera funktioniert, rufe darauf ich sie an. Sie ist mit meiner Tochter, ihrer Enkelin in Australien. Zusammen fahren sie in einem Mobilhome die Westküste von Perth nach Monkey Mia. In Australien, das war mir schon vorher klar, herrscht keine Ntzabdeckung wie bei uns. Mobile Kommunikation ist dadurch eingeschränkt. Internet zwischen den Ballungszentren geht nur, wenn man sich auskennt und eine gewisse technische Webliteracy mitbringt. Am Handy mit australischer Simkarte funktioniert Facebook hingegen problemlos. Wir chatten (ohne Videoverbindung, weil zu schlechtes Netz bei ihr) und ich erkläre meiner Mutter, was sie machen soll, damit sie mit ihrem Laptop bei vorhandenem WLAN auch ins Internet kommt – und dass es ohne WLAN eben nicht geht.

Auf der anderen Seite meines Laptops sitzen zwei Generationen, die an Jahren durch mindestens eine getrennt sind. Meine Mutter ist am Ende des zweiten Weltkriegs geboren, also noch bevor Hobbes‘ Internet Timeline 12 überhaupt beginnt (sie beginnt mit der Einrichtung des ARPA als Advaced Research Projects Agency und mit dem ersten Satelliten, Sputnik der USSR im Jahr 1957). Meine Tochter hat gerade die Volksschule abgeschlossen, noch sind Spiele und Videos das Einzige, was sie am Handy interessiert.

Trotzdem, und das ist für mich als Intermediate, die die Entwicklung des Internets von Anfang an aktiv miterlebt hat, nicht überraschend, aber erstaunlich in seiner Simplizität: Wir kommunizieren von einer Seite der Welt auf die andere. Sie haben mir gestern, eingelockt ins WLAN eines Hotels, Fotos von ihnen und ihrem Auto geschickt. Sie schreiben Mails, wenn’s geht. Sie telefonieren zum Datentarif über facebook und nutzen damit das Smartphone im besten Sinne seiner Bestimmung. Ganz so, wie es die Werbung diverser Telekomanbieter zeigt. Ich stelle die Fotos auf den Blog unserer Familienreise und bin erstaunt, als ich beim telefonieren höre, dass sie diese Aktualisierung noch nicht gesehen haben – surfen ist eingeschränkt durch die Kommunikation, durchgehend WLAN haben sie eben nicht.

Was hat diese Praxis nun mit Hawisher&Selfe zu tun, eine Lektüre, die mich immer noch fesselt? Einerseits wird in diesem Beispiel die digital divide mehrmals sichtbar:

  • Die Netzabdeckung in Österreich und Australien unterscheiden sich stark.
  • Generationenübergreifend zeigen sich Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Umgang mit den Möglichkeiten der digitalen Kommunikationstechnologie.

Meine Tochter lebt in einer völlig anderen Welt als ich und meine Mutter. Sie hat mehr Möglichkeiten und andere – wenn sie sich darauf einlässt. Die Welt (das schreibt John Seely Brown und darauf beziehen sich Hawisher&Selfe auch) ist mit der Entwicklung der Kommunikationstechnologie viel flacher geworden (© Thomas L. Friedman 2005), ich kann mich heute mit google Maps und Streetview und Earth so gut wie überall hinbeamen und bin dort, auch wenn ich meinen Schreibtisch physisch nicht verlasse. Sie ist gleichzeitig aber auch sehr viel spitzer geworden, weil Erfolg viel stärker als jemals mit Wettbewerb zu tun hat, ökonomisch wie intellektuell, machtpolitisch wie auch was Bildungsstandards betrifft.

Andererseits bietet das kleine Beispiel auch Einblicke in die positiven Auswirkungen der Globalisierung. Damit bin ich wieder beim Titel der Lektüre: Transnational Literate Lives in Digital Times – für mich verheißt dieser Titel wunderbare Aussichten.

Die Jugend von heute

So bezeichneten ältere Semester in meiner Jugend abfällig alles, was anders daherkam als sie selbst. Anders dachte als sie. Anders redete als sie. Anderes anzog als sie. Anders eben. Diese „Generationenkonflikte“ verursachten nicht selten regelrechte Erdbeben, lebenswirkliche und solche, die in Romanen stattfanden. Ich weiß noch, wie wir „Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre“ von Heimito von Doderer lesen und der Generationenkonflikt dort Thema unserer Literaturrezensionen ist. Aus der Sicht der Jüngeren fand ich damals den Konflikt einigermaßen konstruiert, das „Werk der Erzählkunst“, wie es Doderer nennt, hätte für mich auch ohne diese Konstruktion und übermäßige Relevanz des Generationenkonflikts funktioniert. Als Erzählung nämlich.

Heute gehöre ich selbst zu den Älteren und sehe, dass die Reaktion meiner Vorgängergeneration damals Ausdruck einer Entwicklung war, die nicht vermeidbar ist: Ich bin nicht davor gefeit, ganz genau so zu reagieren.

Aktuell fällt mir das bei den Aufnahmegesprächen mit dem Mediennachwuchs von heute und morgen auf: Wer am Studiengang „Journalismus und PR“ aufgenommen werden will, muss was mit Medien zu tun haben – meine ich, und ich werde mich nicht überschätzen, wenn ich sage, dass das auch der Meinung meiner Kolleginnen und Kollegen entspricht. Im Vergleich mit den 18- und 19-jährigen jungen Menschen, die uns gegenüber sitzen, gehören wir zu den Alten – und die Situation stellt sich öfter, als mir lieb ist, genau so dar, wie in der Literatur beschrieben: Generationenkonflikte tun sich auf wie Gletscherspalten.

Von Medienwissen oder Medieninteresse so gut wie keine Spur.

Das hat mit der Medienentwicklung zu tun – denn Veränderungen gerade auf diesem Gebiet haben sich noch nie so schnell abgespielt – und die Jungen, die uns heute gegenüber sitzen können gar nicht anders: Sie haben zwangsläufig eine andere Weltsicht als wir entwickelt.

(1) Differenzierung der Medienlandschaft greift viel zu kurz: Es handel sich um eine Atomisierung der Medien: Wenn BewerberInnen sagen, sie lesen DIE ZEITUNG, meinen sie jenes Blatt, das im Elternhaus abonniert ist und am Frühstückstisch liegt.

(2) Nachrichten werden wahrgenommen, wenn das Thema irgendwas mit ihnen selbst bzw. mit ihnen persönlich zu tun hat. Auf die Frage, welche Themen das denn sind, kommt viel zu oft nichts – und ich stelle mir die Frage, wie lokal Journalismus denn werden muss, um die Menschen mit ihren kleinen, feinen Horizonten überhaupt zu erreichen.

(3) Leitmedien???!? – mittlerweile ein Wort der Satire. Die Nachricht ist tot. Nachrichten sind out. Jungen Leuten, jedenfalls den meisten, die bei uns studieren wollen, gehen Medien so am A… vorbei, dass es mich nicht wundert, wenn sie in ihren Bewerbungsschreiben von großem Interesse an „Meiden, PR und Werbung“ schreiben.

(4) „Internet“ – das einzige Medium.

(5) Junge Leute unterscheiden in ihren Bewerbungsgesprächen so gut wie gar nicht zwischen einzelnen APPs, Seiten verschiedener Tageszeitungen oder Social Media Anwendungen. Undifferenziert wird auf die Frage nach dem Medienkonsum das Internet genannt.

(6) Gleichzeitig herrscht große Skepsis, eigene Daten im Internet zu veröffentlichen.

(7) Das Red Bulletin, Corporate Publishing des Unternehmens Red Bull, wird z.B. als nicht glaubwürdig eingestuft, weil es die Philosophie und die Marke Red Bull promotet – ohne jemals zu überlegen, wie es mit den Informationen im landläufig als neutral eingestuften Internet aussieht.

Wenn ich an dem, was Maturantinnen und Maturanten in einem Aufnahmegespräch für das Bachelorstudium „Journalismus und PR“ über Medien und ihren Umgang damit preisgeben, dann stelle ich mir die Frage, wie eine zukünftige Gesellschaft aussehen wird: Wer wird die Themen in der Gesellschaft prägen? Wer wird bestimmen, welche Themen wie diskutiert werden? Wer wird überhaupt Richtungsentscheidungen tätigen?

Für heute lasse ich es bei dem Video „Die geheime Macht von Google“. Das ist heute in Phönix gelaufen – und Ende 2014 im ARD. Ulrich Stein hat penibel recherchiert und zeigt die für die Welt und die Menschen beklemmende Realität eines Monopolisten, der ein globaler Player ist und dem wenige Vieles aber in Summe (noch) nicht genug entgegensetzen können. Wenn ich mir vergegenwärtige, dass vor kurzer Zeit die Entscheidung für das Internet der zwei Geschwindigkeiten gefällt wurde (vgl. dazu die Diskussion um Roaminggebühren und damit verbunden um Netzneutralität in der EU), stellt sich die Frage der Macht mit Macht.