Die Jugend von heute

So bezeichneten ältere Semester in meiner Jugend abfällig alles, was anders daherkam als sie selbst. Anders dachte als sie. Anders redete als sie. Anderes anzog als sie. Anders eben. Diese „Generationenkonflikte“ verursachten nicht selten regelrechte Erdbeben, lebenswirkliche und solche, die in Romanen stattfanden. Ich weiß noch, wie wir „Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre“ von Heimito von Doderer lesen und der Generationenkonflikt dort Thema unserer Literaturrezensionen ist. Aus der Sicht der Jüngeren fand ich damals den Konflikt einigermaßen konstruiert, das „Werk der Erzählkunst“, wie es Doderer nennt, hätte für mich auch ohne diese Konstruktion und übermäßige Relevanz des Generationenkonflikts funktioniert. Als Erzählung nämlich.

Heute gehöre ich selbst zu den Älteren und sehe, dass die Reaktion meiner Vorgängergeneration damals Ausdruck einer Entwicklung war, die nicht vermeidbar ist: Ich bin nicht davor gefeit, ganz genau so zu reagieren.

Aktuell fällt mir das bei den Aufnahmegesprächen mit dem Mediennachwuchs von heute und morgen auf: Wer am Studiengang „Journalismus und PR“ aufgenommen werden will, muss was mit Medien zu tun haben – meine ich, und ich werde mich nicht überschätzen, wenn ich sage, dass das auch der Meinung meiner Kolleginnen und Kollegen entspricht. Im Vergleich mit den 18- und 19-jährigen jungen Menschen, die uns gegenüber sitzen, gehören wir zu den Alten – und die Situation stellt sich öfter, als mir lieb ist, genau so dar, wie in der Literatur beschrieben: Generationenkonflikte tun sich auf wie Gletscherspalten.

Von Medienwissen oder Medieninteresse so gut wie keine Spur.

Das hat mit der Medienentwicklung zu tun – denn Veränderungen gerade auf diesem Gebiet haben sich noch nie so schnell abgespielt – und die Jungen, die uns heute gegenüber sitzen können gar nicht anders: Sie haben zwangsläufig eine andere Weltsicht als wir entwickelt.

(1) Differenzierung der Medienlandschaft greift viel zu kurz: Es handel sich um eine Atomisierung der Medien: Wenn BewerberInnen sagen, sie lesen DIE ZEITUNG, meinen sie jenes Blatt, das im Elternhaus abonniert ist und am Frühstückstisch liegt.

(2) Nachrichten werden wahrgenommen, wenn das Thema irgendwas mit ihnen selbst bzw. mit ihnen persönlich zu tun hat. Auf die Frage, welche Themen das denn sind, kommt viel zu oft nichts – und ich stelle mir die Frage, wie lokal Journalismus denn werden muss, um die Menschen mit ihren kleinen, feinen Horizonten überhaupt zu erreichen.

(3) Leitmedien???!? – mittlerweile ein Wort der Satire. Die Nachricht ist tot. Nachrichten sind out. Jungen Leuten, jedenfalls den meisten, die bei uns studieren wollen, gehen Medien so am A… vorbei, dass es mich nicht wundert, wenn sie in ihren Bewerbungsschreiben von großem Interesse an „Meiden, PR und Werbung“ schreiben.

(4) „Internet“ – das einzige Medium.

(5) Junge Leute unterscheiden in ihren Bewerbungsgesprächen so gut wie gar nicht zwischen einzelnen APPs, Seiten verschiedener Tageszeitungen oder Social Media Anwendungen. Undifferenziert wird auf die Frage nach dem Medienkonsum das Internet genannt.

(6) Gleichzeitig herrscht große Skepsis, eigene Daten im Internet zu veröffentlichen.

(7) Das Red Bulletin, Corporate Publishing des Unternehmens Red Bull, wird z.B. als nicht glaubwürdig eingestuft, weil es die Philosophie und die Marke Red Bull promotet – ohne jemals zu überlegen, wie es mit den Informationen im landläufig als neutral eingestuften Internet aussieht.

Wenn ich an dem, was Maturantinnen und Maturanten in einem Aufnahmegespräch für das Bachelorstudium „Journalismus und PR“ über Medien und ihren Umgang damit preisgeben, dann stelle ich mir die Frage, wie eine zukünftige Gesellschaft aussehen wird: Wer wird die Themen in der Gesellschaft prägen? Wer wird bestimmen, welche Themen wie diskutiert werden? Wer wird überhaupt Richtungsentscheidungen tätigen?

Für heute lasse ich es bei dem Video „Die geheime Macht von Google“. Das ist heute in Phönix gelaufen – und Ende 2014 im ARD. Ulrich Stein hat penibel recherchiert und zeigt die für die Welt und die Menschen beklemmende Realität eines Monopolisten, der ein globaler Player ist und dem wenige Vieles aber in Summe (noch) nicht genug entgegensetzen können. Wenn ich mir vergegenwärtige, dass vor kurzer Zeit die Entscheidung für das Internet der zwei Geschwindigkeiten gefällt wurde (vgl. dazu die Diskussion um Roaminggebühren und damit verbunden um Netzneutralität in der EU), stellt sich die Frage der Macht mit Macht.

3 Gedanken zu „Die Jugend von heute“

  1. Liebe Gudrun, ich sehe das nicht so pessimistisch. Mein Eindruck ist, dass die Jugendlichen schon sehr genau erkennen, was für sie relevant ist – und das sind eben nicht mehr die „alten“ Medien. Google und Facebook sind schlicht die Medienoutlets von heute – viel relevanter als die Reste des Medienlandschaft aus dem vergangenen Jahrhundert. Die Schulen informieren über die Möglichkeiten dieser Medien nur leider sehr wenig. Wir sollten uns, meine ich, nicht dem Klagen über die bösen amerikanischen Konzerne hingeben (die groß sind, weil sie ihren Usern einen enormen Mehrwert bieten), sondern genau diese Medien in den Mittelpunkt unseres Unterrichts stellen.

  2. Hallo Gudrun! Mich würde interessieren: Was habe ich von Überlegungen zum „neutralen“ Internet in Hinblick auf ein durch Werbewirtschaft eigens geschaffene Magazin, wie es das RB nun eben ist? Wer das RB als nicht glaubwürdig einstuft und es kritisiert, ist meiner Ansicht nach auf dem richtigen Weg. Denn wie es auch schon Habermas in seinem Strukturwandel der Öffentlichkeit beschreibt: Werbung als Selbstdarstellung eines privaten Interesses kann nicht mehr erkenntlich sein und ist daher zu kritisieren.

    1. Ich halte DAS Internet nicht für neutral, habe aber manchmal den Eindruck, dass es als eine solche Informationsfläche wahrgenommen wird. „Frei“ könnte man auch sagen. Das ist es schon lange nicht mehr. Und RB ist Coporate Publishing, als solches nicht nur „Gefahr für den Journalismus“ wie Ruß-Mohl es in seinem Vortrag bei Public Communication genannt hat, sondern Gefahr für die (bürgerliche) Gesellschaft. Da bin ich bei Habermas. Ganz klar.

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