Lehrerin oder Lernbegleiterin ?!?

Heute im ZML-Leseclub ging es heiß her: Kaum ein Text hat so starke gegensätzliche Meinungen herausgefordert wie dieser von Matthias Burchardt (48). Unter dem Titel „Unsere Kinder werden zu Zwergen degradiert“ gibt der Germanist, Philosoph und Pädagoge dem Standard ein Interview, in dem er das Konzept des Lehrers dem des Lernbegleiters gegenüberstellt und – in meinen Augen – gegen die Ökonomisierung der Schulpädagogik argumentiert. Das ist ein Gedanke, dem ich mich durchaus anschließen kann.

Meine Kollegin Jutta ist völlig anderer Meinung. Sie hat große Vorbehalte – gegen den Text, die Sprache und die Argumente. Daraus entspannt sich natürlich eine angeregte Diskussion – und am Ende frage ich mich, warum immer Gegensätze proklamiert werden müssen. Funktioniert unser Denken nur in Gegensätzen? Mich hat der Artikel beim Lesen in der Printausgabe fasziniert, eben weil Burchardt ein Lehrerbild, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt, einem stark technologisch ausgerichteten Lernbegleiter gegenüberstellt. Gegensätze öffnen sich in meinen Augen damit noch nicht. Denn Burchardt argumentiert gegen eine dem Sparzwang geschuldeten Downsizing der pädagogischen Ansprüche. Und er malt das Bild der Lehrerin von anno dazumal in sehr bunten Farben gegenüber der Lernbegleiterin, die, was Ausbildungsqualität, Zeit und Geld betrifft, der Lehrerin leider nachsteht. Er macht anhand der zwei Kategorien eine Systemkritik – und die sehr plakativ.

In der Sache bin ich bei ihm: Die Lehrerin hat eine Ausbildung, die ihr erlaubt hat, an ihrer eigenen Menschenbildung zu arbeiten. Die Lernbegleiterin hat einen Beruf gelernt und sich didaktische Methoden angeeignet, Schnellsiederkurs sozusagen. Damit werden Kinder und Jugendliche angesichts der bildungsökonomischen Gegebenheiten nicht in die Lage versetzt, Persönlichkeitsbildung zu er- und leben. „Tatsächlich zeichnet sich eine bedenkliche Tendenz ab, den traditionellen Lehrer ableben zu lassen und durch eine technokratische Wiedergängerfigur, >den Lernbegleiter<, zu ersetzen.“ Damit ist das System gemeint. In der aktuellen bildungspolitischen Diskussion laufen alle Diskussionen hin zu mehr Methoden, weniger Person. Das Interview wurde im Rahmen einer Reihe zu diesem Thema geführt. Der Titel lautet: „De magistro. Vom Pauker zum Begleiter – Über den Wandel des Lehrerbildes“. Diesen Titel kann man beschreibend und erklärend deuten – oder in den Mittelpunkt einer Strategie stellen: Burchardts Strategie, so interpretiere ich den Artikel, setzt sich als Ziel, die Politik wieder in die Pflicht zu nehmen, mehr und nicht weniger Mittel für die Bildung zur Verfügung zu stellen. Die Geschichte mit den Monstern, womit der Artikel eingeleitet wird, ist ein journalistischer Einstieg ins Thema, gibt Farbe und macht den Einstieg interessant. Journalistisch eben. Mir wäre recht, wenn man Gegensätze als gut, nicht als schlecht hinstellt. Und wenn daraus Neues entsteht.

Das Bild im Tweet oben habe ich mir übrigens schon runtergeladen gehabt: Es illustriert eindrücklich, wie wichtig Offenheit und Kreativität im Lernprozess sind. Design Thinking für alle. Gerne auch mit „makerspace“ und Lernbegleiterinnen, oder wie immer man sie in der gegebenen Situation auch nennt.  

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