„Affordances“

To afford something“ übersetze ich aus dem Englischen mit „sich etwas leisten können“. – Warum das nicht ganz mit der „Theory of Affordances“ übereinstimmt – und dann wieder doch…

Der ZML-Leseclub ist ein Quell ständiger Entdeckung: Vor einiger Zeit schon übermittelte uns Jutta einen Text von Roy Williams, in dem er die Theory of Affordance als Grundlage der Entwicklung der footprints of emergence, wie er sie u.a. gemeinsam mit Jenny Mackness entwickelt hat ((Williams, Roy Trevor; Mackness, Jenny; Gumtau, Simone (2012): Footprints of emergence. The International Review of Research in Open and Distance Learning, [S.l.], v. 13, n. 4, p. 49-90.)), kurz umreißt. Sein Text ist für mich Ausgangspunkt, mich näher mit diesen Gedanken zu beschäftigen – dabei stolpere ich über alte Bekannte und neue Erkenntnisse. Am Dienstag haben wir nun zu dritt darüber diskutiert und in diesem Text versuche ich, ein bisschen was davon einzuordnen.

Roy Williams beschreibt im ersten Teil seines Artikels „Affordances and the New Political Ecologies“ ((Williams, Roy (2012): in: Terrorism and Affordance. New directions in terrorism studies. Continuum, London, pp 93-120.)) die für mich logisch leicht nachvollziehbare „theory of affordance“ und bezieht sich dabei auf den Wahrnehmungspsychologen James J. Gibson, der sie in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts formuliert hat ((Gibson, James J. (1977): The theory of affordances. In: Shaw, Robert / Bransford, John (Hg.): Perceiving, Acting and Knowing. New York, S.67-82.)). Gibson definiert affordances folgendermaßen:

  • „the affordances of the environment are what it offers the animal, what it provides and furnishes, either for good or for ill“;
  • „something that refers both to the environment and the animal in a way that no existing term does“; and
  • a thing that „implies the complementarily of the animal and the environment“ ((zitiert nach: Vyas, Dhaval / Chisalita, Cristina M. / van der Veer, Gerrit (2006): Affordance in Interaction. In: Proceedings of 13th European Conference on Cognitive Ergonomics, S.92-99.))

Nicole Zillien hat in ihrem Artikel „Die (Wieder-)Entdeckung der Medien“ aus mediensoziologischer Sicht darauf Bezug genommen ((Zillien, Nicole (2007): Die (Wieder-)Entdeckung der Medien. Das Affordanzkonzept in der Mediensoziologie. In: Sociologia Internationalis. Internationale Zeitschrift für Soziologie, Kommunikations- und Kulturforschung 2/2009.)). Sie geht von dieser Definition Gibsons für das schwer übersetzbare englische Wort affordance aus:

„Unter den Angeboten (affordances) der Umwelt soll das verstanden werden, was sie den Lebewesen anbietet (offers), was sie zur Verfügung stellt (provides) oder gewährt (furnishes), sei es zum Guten oder zum Bösen […] Ich meine damit etwas, das sich auf die Umwelt und das Lebewesen gleichermaßen bezieht und zwar auf eine Art, die kein gebräuchliches englisches Wort auszudrücken vermag. Zum Ausdruck bringen soll es die Komplementarität von Lebewesen und Umwelt.“ ((Gibson, James J. (1982/1979): Wahrnehmung und Umwelt. München.  Zitiert nach: Zillien (2007).))

Gibson, so Zillien, „nimmt damit Abstand von kognitionspsychologischen Ansätzen und vertritt die Idee einer direkten Wahrnehmung der Affordanz von Gegenständen, welche durch die Invarianz derselben ermöglicht wird“ (Zillien 2007, S.164). Die Wahrnehmung der Affordanz von Gegenständen sei insofern direkt, als dass sie nicht durch kognitive Schlüsse ergänzt werden müsse. — Ich halte fest: Affordanz wird direkt wahrgenommen, und zwar auf der Basis ihrer Invarianz – also z.B. dadurch, dass dieser Gegenstand oder Artefakt als Teil der Umwelt (denn Gibson spricht von Umwelt, die den Lebewesen etwas anbietet) schon lange Zeit so und nicht anders benützt wird – bzw. dass ihn eine ganze Menge Leute so und nicht anders benützen.

Ein schönes Beispiel für diese Art von Affordanz ist das Wartehäuschen – für das von Zillien (nach Norman 1989 ((Norman, Donald A. (1989/1988): Dinge des Alltags. Frankfurt am Main.)) zitierte gibt es einen wunderschönen Nachfolger: In Krumbach, Vorarlberg, werden dieser Tage an einer Regionalbuslinie sieben Wartehäuschen eröffnet, von internationalen Architekten entworfen und von Handwerksbetrieben der Region gebaut. Der Gedanke hinter dem Projekt wird so formuliert: „Die Region Bregenzerwald macht sich auf, anhand einer scheinbar kleinen gestalterischen Aufgabe unterschiedliche Vokabulare und Denkschulen zwischen Ost und West, Nord und Süd zu vergleichen, gegenüberzustellen und zu verbinden. Als berühmtes Architekturland (30.000 Touristen kommen jährlich allein wegen unserer Baukultur) wollen wir den internationalen Austausch mitgestalten.“ ((http://www.kulturkrumbach.at/#!die-projektidee/c1vg6)) Finanziert wird das Projekt von privaten Sponsoren, die internationalen Architekten werden mit einem Urlaub in Vorarlberg belohnt. Als das Projekt gestern im TV besprochen wurde, kamen auch Anwoohner zu Wort – und die äußerten sich positiv und stolz zu den Wartehäuschen der anderen Art, die ihre unmittelbare Umwelt prägen werden. Die Affordanz dieser Wartehäuschen ist immer noch auch die Nutzung als Wartehäuschen, als Unterstand also. Die besondere Gestaltung und das Aus-der-Reihe-fallen eröffnet darüber hinaus auch noch andere Affordanzen, die wie die übliche auch, unmittelbar und direkt wahrgenommen werden. — Das hat mir gefallen.

Im Leseclub haben Jutta, Natasa und ich die wechselseitige Bezugnahme von Subjekt und Objekt im Affordanzkonzept besprochen: „Die Affordanzen eines Gegenstandes sind einerseits als objektiv zu bezeichnen, da sie invariant sind – das heißt unabhängig von der Interpretation oder Einschlätzung eines Akteurs existieren. Sie haben jedoch gleichzeitig subjektiven Charakter, da sie sich auf die Handlungsmöglichkeiten eines Akteurs beziehen“ (Zillien 2007, S.165).

Bezogen auf das Design und die Planung von Lernumgebungen, die in Zeiten ständigen Wandels und umfassender Präsenz von Kommunikationstechnologien funktionieren sollen, sind unter diesen Voraussetzungen die footprints of emergence mit 25 Faktoren entstanden. Inwieweit sich mir die Faktoren auf dieser Basis jetzt besser erschließen – dieser Frage werde ich mich in einem der nächsten Blogposts annähern.

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