Zwei Blitzlichter auf die Klimastreiks heute

Der Tag heute begann mit einem Gegenentwurf dazu , was ich mir erwartet hatte.

Erster Akt:
In der Zeitung, die ich unserem Haushalt als Printausgabe auf den Küchentisch lege, las ich einen Kommentar von Konrad Paul Liessmann, der angesichts der Klimastreiks, die für heute weltweit angekündigt worden sind, das Thema Klima gegen den Strich bürstet.

Schon der erste Absatz seines Artikels hat es in sich:

Von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt findet gerade eine internationale Klimawoche statt, die am Freitag mit einem Streiktag und Großdemonstrationen abgeschlossen werden soll. Viele Teilnehmer werden nicht erwartet. Dass Scharen von Jugenlichen, die angeblich froh sind, endlich wieder Präsenzunterricht an den Schulen zu erleben, diese sogleich verlassen werden, um die Welt zu retten, ist unwahrscheinlich.“

„MIsanthropie und Klimaschutz“ (Kleine Zeitung am 24.9.2021, Seite 14) Liessmann argumentiert, dass die Klimaveränderung etwas Wunderbares sei, weil sie es allen recht mache.

Ich wurde beim Lesen wütend – und gleichzeitig hellwach. Hier schreibt ein mitteleuropäischer weißer Mann über Dinge, die er so gar nicht versteht. Klar kann er mit seinem spitzfindigen, an zahlreichen Diskursen geschulten Inellekt rhetorisch punkten. Es schadet nie, ein Thema gegen den Strich zu bürsten, die Perpektiven und den Blick darauf zu wechseln, um es möglichst vollständig zu erfassen. Besonders wichtig ist das bei einem so komplexen Sachverhalt wie dem globalen Klimawandel.

KPL schießt in diesem Kommentar über dieses Ziel hinaus. Viele seiner Sätze entlarven ihn als greisen, weißen Mann, sozialisiert in einer Zeit, als sich Erwachsene mit Kindern und Männer mit Frauen nur spielerisch beschäftigt haben. Mehr haben sie diesen nicht zugetraut.

Heute engagieren sich tausende Jugendliche weltweit für climate action, weil sie auf dieser einen Erde weiterleben wollen – sie brauchen die alten Entscheider, sie brauchen die Mächtigen in Politik und Wirtschaft dafür. Denn diese müssen Handlungen setzen, um bisher gerne gepflegte Routinen zu verändern. Die Mächtigen braucht es, um Klimagesetze durchzubringen…

Nur ein armer, alter Mann nennt als einzige Alternative zu Veränderung und Entwicklung Misanthropie. Für mich Ausdruck einer Kapitulation.

Zweiter Akt:
Fridays for Future sind back – auch in der öffentlichen Wahrnehmung. Endlich. Denn >wie wir jetzt in der Klimakrise handeln, entscheidet die Zukunft. Daran besteht für mich kein Zweifel. Deshalb ist es so wichtig, für den Wandel auf die Straße zu gehen… < (Eigen-IG-Zitat aus dem heutigen Post)

Gestern habe ich eine kleine Recherche auf Instagram angestellt … und viele Influencer:innen gefunden, die sich vehement für climate action und gesellschaftlichen Wandel einsetzen, die sich selbst engagieren, die in ihrer täglichen Praxis Veränderungen in Gang setzen, die mit Argumente sammeln und emotionale Maßnahmen setzen, um zu überzeugen, um möglichst viele zu eigenem Handeln anzuregen.

Jetzt, um 19:30 Uhr, sprechen Susanne Höggerl und Tobias Pötzelsberger in der ZIB von MIllionen Jugendlichen, die heute weltweit auf den Straßen für das Klima auf die Straße gegangen sind. In Graz haben knapp 1.500 teilgenommen. Gleichzeitig sagt mir meine Tochter, dass der Klimastreik heute kein Thema in ihrer Schule gewesen ist. Hmmm. Ich denke nach. Ich grüble.

Auch bei meinen aktiven Erstpublikationen auf Instagram habe ich zweierlei festgestellt: Themen, die leicht verständlich und gut verdaulich rüberkommen, wirken besser. Diesen ersten Eindruck habe ich auch mit meinen Postings gewonnen. Auf sehr niedrigem Niveau, klar.

Stimmen diese Eindrücke, dann sollten wir unsere Anstrengungen intensivieren, uns selbst und jede und jeden in Bewegung zu bringen. Veränderung tut not. Davon bin ich überzeugt.


Statt eines Generationenhauses

Mein Traum: mindestens drei Generationen unter einem Dach. Ökonomisch und sozial wäre mir diese Organisation des täglichen Lebens die liebste. Es ließe sich Geld sparen. Und alle würden sich im täglichen Miteinander darin üben, Sozialtheorie in der Praxis anzuwenden und sprachlich à jour zu bleiben. Ein Gewinn für das Börserl und das Hirn. In der Theorie.

In der Praxis sieht es anders aus … und bei genauerem Überlegen ist das vielleicht ganz gut so.

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In der Sandwichposition des Drei-Generationen-Gedankenexperiments bin ich mit Redensarten, die früher als Altersweisheiten rübergekommen sind, konfrontiert. Sehr beliebt bei uns: die goldene Mitte. Als Jugendliche lebte ich regelrecht im Sog der goldenen Mitte. Für brenzlige SItuationen, in die man gestolpert war oder die einem wenigstens drohten, war der Hinweis auf die goldene Mitte, die selbstverständlich immer, und zwar unhinterfragt, die beste Wahl war, ein Ausweg, wenn nicht die Rettung. Die Wahrheit lag so gut wie immer in der Mitte zwischen zwei Extremen. In meiner Familie hatten es Männer und Frauen mit dieser Einstellung weit gebracht, sie verdienten genug und waren in ihren Kreisen hoch geachtet.

Erstaunt hat mich kürzlich die Erkenntnis, dass die Redensart (oder Lebensweisheit) der goldenen Mitte nicht allen Vertreter:innen meiner Vorgängergenerationen geläufig ist. Man diskutiert dort genauso wie mit Jugendlichen über Auswege aus extremen Ansichten und Meinungen. Und zwar gerne endlos und ausufernd. Statt sich nach Austausch von Argumenten endlich dem Kompromiss zu nähern und integrativ, nämlich in die Mitte integrativ zu wirken. Ich fühlte mich wie ein Alien, als ich dem Austausch der Argumente, der sich irgendwann selbst replizierte, endlich die goldene Mitte als Idee entgegenstellte und die Diskutant:innen damit auf einen dritten Weg brachte. Wow, dachte ich, hätte ich nicht erwartet.

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Als jemand, die sehr spät auf Instagram immigrieren will, beobachte ich höchst interessiert, wie meine Tochter damit umgeht. Sie konsumiert. Und das nicht zu knapp. Dabei rezipiert sie das Gehörte und Gesehene völlig anders als ich. Themen kommen bei ihr anders an. Sie weiß nicht nur anderes über Themen, die gerade in sind, sie schätzt die gleichen Fakten auch völlig anders ein. Sie interpretiert Gegebenheiten komplett anders.

Kürzlich kommt sie zu mir und will mich warnen. „Mama, es ist ja schön, wenn Du jetzt so viel auf Instagram veröffentlichst, Aber sei vorsichtig, was Du sagst, …“ Sie bezieht sich dabei auf einen meiner Reposts, in dem eine junge Wissenschaftlerin die Prinzipien des wissenschaftlichen Prozesses erklärt, um Zweiflern möglichst plakativ Einsicht zu bieten, wie Unsicherheit im Laufe dieses Prozesses minimiert wird. Ich habe den mehrseitigen Post in meiner Story reposted, d.h. ich wollte die ganze Story reposten. Ist nur die erste Seite geworden.

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In einem Generationenhaus würden wir uns ständig mit solchen culture clashs beschäftigen. Praktisch. Und praktisch nicht ohne Auseinandersetzungen. Mir bliebe keine Zeit für reflektierende Überlegungen. In diesem Sinne bin ich froh, dass ich meine Wohnung mit einer teile, nicht mit drei Generationen.