Lektüre – über exaktes Denken am Rande des Abgrunds

„Das beste Buch über den Wiener Kreis“ nannte es Klaus Taschwer in Der Standard. Und packend ist es wirklich. Karl Sigmund, emeritierter Professor für Mathematik an der Uni Wien, schreibt über das, was ihn seit seinem Studienbeginn fasziniert: Mathematik und Philosophie, verbunden und in fruchtbarer Auseinandersetzung miteinander entwickelt. Der Wiener Kreis, dessen Homebase im mathematischen Institut zu finden war, lebt diese Symbiose – die wahrscheinlich ich so nenne, weil ich sehr weit weg von der Mathematik stehe.

Mein Zugang zum Wiener Kreis geht über die Sprachphilosophie. Ludwig Wittgenstein gehört zu meinen Helden. Mathematiker und Philosoph wie fast alle, die zum Wiener Kreis gehörten oder sich mit dem, was Mitglieder diskutierten, auseinandersetzten.

Karl Sigmund versteht es, das Defilee der Vielen lebendig werden zu lassen, in diesem Falle mit Wien als Mitte vieler konzentrischer Kreise. Am Anfang ist Wien der Kristallisationspunkt für Zugereiste aus den noch weit verzweigten Kronländern der Monarchie. Am Ende, dem Vorabend des zweiten Weltkrieges, verlassen die Protagonisten den Wasserkopf eines nicht mehr existenten Österreichs in Richtung Westen.

Der Mathematiker Sigmund gibt dabei Männern und Frauen unterschiedlichster Disziplinen Raum. Literaten finden sich neben Physikern und Mathematikern. Von Wien führt die Spur direkt, so scheint es, nach Princeton, wo Einstein, Gödel und John von Neumann federführend die Entwicklung der Computerwissenschaften – und damit die Realtitä von heute – vorantreiben.

Für mich als Nachgeborene sind die Spuren erfühlbar, die die Helden von damals hinterlassen, und die Erschütterungen nachvollziehbar, denen sie ausgesetzt waren. Das mathematische Institut unweit der Strudelhofstiege. Das Wirtschaftsmuseum, schon von Otto Neurath im fünften Bezirk gegründet. Die Sozialdemokratie, im Vergleich zu damals in die Jahre und ins Fleisch gekommen.

Zu gerne würde ich jetzt, hundert Jahre später, wieder Philosophen und Naturwissenschaftern beim gemeinsamen Denken zuhören. „Am Rand des Untergangs“ gilt meinem Gefühl nach für heute ebenso wie damals.

Sigmund_KreisKarl Sigmund: Sie nannten sich Der Wiener Kreis. Exaktes Denken am Rand des Untergangs. Springer Spektrum 2015.

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