Masumiyet Müzesi

Irgendwie passt das zu Ostern: Ich habe mich über die Feiertage und davor noch in Istanbul von Orhan Pamuks Roman verführen lassen – und dabei über die Unschuld, den Begriff und was er bedeuten könnte, nachgedacht.Eigentlich mag ich Orhan Pamuks Bücher nicht besonders. Den Nobelpreis hat er sicher zu Recht, keine Frage, aber wie António Lobo Atunes, jener Portugiese, der ihn noch nicht bekommen hat, allen Gerüchten nach jedoch immer auf der Shortlist dafür zu finden war oder ist, schreibt er sehr ausführlich (positive Wortwahl) oder langatmig bis langweilig, ohne viel mit den langen Sätzen zu erzählen. Es ist aber nicht sein Stil, der mir nicht gefällt. Ich finde die Perspektive, aus der er erzählt, zuweilen so sehr bourgeois, dass ich seine Bücher nicht immer lesen mag. Zu wenig trifft er meiner Meinung nach das Lebensgefühl und die Einstellungen der Mehrheit der türkischen Bevölkerung – aber das ist natürlich meine sehr persönliche Meinung.

Diesmal hat es genau gepasst: „Das Museum der Unschuld“, im Original „Masumiyet Müzesi“, ist wie für mich geschrieben! Ein Mann erzählt über seine Liebe. Er interpretiert dabei seine eigenen Gefühle genauso wie die der Frau und ist dabei ein so einfühlsamer Beobachter, dass ich diesen Roman gut und gerne in das Genre „Traumliteratur“ einordnen möchte. Irgendwann auf halbem Wege durch das Buch wurde mir als Leserin bewusst, wie phantastisch und utopisch Kemal, der Protagonist, agiert: wie er sich in die Frau und sein eigenes Gefühl hineindenkt und dabei doch ein wenig aktiver Beobachter bleibt. Er lässt passieren und beobachtet dabei minutiös, wie er sich fühlt und welches Gefühl er in der Frau vorfindet anhand deren Gesten und Reaktionen, der Blicke und ihres Gesichtsausdrucks.

Wunderschön, dass er dabei gleichzeitig detailgetreu und genau Orte, Stadtviertel und Straßenzüge eines Istanbuls der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart beschreibt. Man kann Nisantasi und die Cukurcuma mit dem Roman in der Hand erwandern – und man sollte tatsächlich genau das tun. In der Cukurcuma findet man dann das in der Realität bestehende Museum. Orhan Pamuk hat vielleicht ein wenig Geld des Nobelpreises in die Einrichtung dieses Hauses gesteckt. Ein Museum, das den Roman begleitet und die Handlung sozusagen in der Wirklichkeit verankert. Ein Schachzug, den er auch stilistisch im Buch anwendet, denn der Protagonist, ein klassicher Vertreter der oben erwähnten Bourgeoisie, lässt Orhan Pamuk, den Autor – einen nicht ganz so reichen Vertreter seiner eigene Klasse – seine Geschichte erzählen. Kemal engagiert also Orhan Pamuk, um die tragische Liebesgeschichte, die ihm widerfahren ist, für die Nachwelt zu dokumentieren. Und dieser, der Autor, überredet Kemal dazu, die Geschichte als Ich-Erzähler schreiben zu dürfen. Herrlich! Mir gefallen solche Brüche und Spiegelwelten, so ein Spiel mit der Wirklichkeit in Romanen. Das gelingt Orhan Pamuk in diesem Roman wirklich gut.

Vollends überzeugt hat mich das augenfällig Utopische, das leise und unaufdringlich dargebracht wird, in der Mitte des Buches in Kapitel 69: Jeder Satz darin beginnt mit „Manchmal…“ und drückt eine als wunderbar erlebte Gewohnheit aus, die man liebt und nicht weiter hinterfragen muss. Kemal besucht seine Angebetete bei ihren Eltern zu Hause, wo sie als verheiratete Frau noch lebt. Er ist der reiche Verwandte, der seine Tante, ihren Mann und ihre Tochter besucht. Er kommt acht Jahre lang fast jeden Tag, jedenfalls mehrmals in der Woche und dann tun sie eben manchmal essen, fernsehen, reden, den Papagei beobachten, nach den Zeichnungen der Angebetenen fragen, und sitzen. Einfach sitzen. Und machmal passiert dann eben  Einmaliges, das sich in den acht Jahren auch wiederholt.

So wie das Kölnisch Wasser, das bei Überlandfahrten mit dem Reisebus vom Gehilfen des Fahrers allen Passagieren gereicht wird, ließ das Kölnisch Wasser auch uns, die wir uns abends um den Fernseher versammelten, deutlicher spüren, dass wir eine Gemeinschaft waren und das gleiche Schicksal teilten (was besonders bei den Nachrichten stärker zur Geltung kam) und dass das Leben, auch wenn man abends immer nur fernsah, doch insgesamt ein Abenteuer darstellte und es schön war, etwas Gemeinsames zu unternehmen.

Sitzen und dabei „etwas unternehmen“ – ein wunderbarer Gedanke und ein Lebensgefühl, das ich mir jedem Aufenthalt in Istanbul zu eigen mache. Weil es dort so normal ist und von allen gelebt wird. Wunderbar.

Orhan Pamuk: Das Museum der Unschuld. Roman. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Fischer Taschenbuch Verlag, 2010.

Maroni

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