Evolution bedeutet Veränderung – des Wachstumsbegriffes in unseren Köpfen

Vor kurzem habe ich zum ersten Mal vom „Impulszentrum zukunftsfähiges Wirtschaften“ gehört. Diese Initiative ist anlässlich der Präsentation des neuen Buchs von Christian Felber „Geld – die neuen Spielregeln“ in Graz an die Öffentlichkeit getreten: Die Kleine Zeitung hat dazu in ihrer Online-Ausgabe ein Interview mit ihm veröffentlicht.

Da ich leider selbst nicht bei der Veranstaltung dabei sein konnte, schaute ich mir die Website des „imzuwi“, so die Internetadresse des neuen Impulszentrums genau an – und fand in der Sprache einige Besonderheiten, auf die es sich lohnt, speziell zu verweisen:

GWÖ imzuwi 01

Finden Sie auch, dass unsere Wirtschaft zunehmend zum Problem wird? Dass wir, um weiter zu wachsen, immer mehr Güter buchstäblich für den Müll produzieren, dabei Ressourcen und Arbeitskraft verschwenden? Dass wir damit allerorten an Grenzen stoßen und so unser Lebensglück und unsere Zukunft verspielen?

Und finden Sie auch, dass wir dringend zukunftsfähige und lebensfreundliche Formen des Wirtschaftens erforschen, erproben und verbreiten sollten? Dass die Universität ein Ort sein sollte, an dem man über solche Alternativen nachdenkt & nachdenken lernt? Und dass wir uns nicht auf bloße Produktionsfaktoren, passive KonsumentInnen oder taffe Geschäftsleute reduzieren lassen sollten — sondern dass uns Wirtschaft als ganze Menschen angeht, und dass wir sie nicht den ÖkonomInnen und Profiteuren überlassen sollten?

In diesen einleitenden Absätzen steht alles drin, worum es geht: Die Initiatoren sprechen damit ihr Gegenüber (die Leserinnen und Leser) direkt an. Mit sehr klaren Worten. Mich trifft der erste Absatz, weil er die herkömmliche Vorstellung fortwährenden Wachstums, und damit den einfachen Kern eines Paradoxons, anspricht: Bei begrenzten Ressourcen ist endlich die Frage nach der Qualität des Wachstums, dem Lieblingsleitbild moderner (westlicher) Gesellschaften, zu stellen!

GWÖ imzuwi 02

Ein Wirtschaftsmodell, das angesichts mehrfacher Krisenlagen nicht mehr anzubieten hat als mehr Wettbewerb, Wachstum und die Behauptung, alternativlos zu sein, verliert täglich an Legitimität. Eine Wirtschafts- und Managementwissenschaft, die nicht in der Lage ist, neue Perspektiven zu entwickeln und lebensfreundliche Alternativen anzubieten, hat keine Existenzberechtigung — schon gar nicht an einer öffentlich finanzierten Universität.

Lassen wir uns nichts vormachen. Wir wissen doch, was wir wollen: eine demokratische, solidarische, nachhaltige Gesellschaft, gute Beziehungen, die Bewahrung der Lebensgrundlagen, freudvolles und kreatives Arbeiten unter guten Bedingungen. Und wir wissen, was wir nicht wollen: die Herrschaft des Geldes und die Zerstörung unserer sozialen und ökologischen Lebensgrundlagen.
Wir haben unglaubliche technische Möglichkeiten, Know-How, Phantasie und Arbeitskraft. Wir können unsere Gesellschaft und Wirtschaft besser organisieren. Wir können gute Rahmenbedingungen schaffen, um verantwortungsbewusstes Wirtschaften zu fördern. Und vor allem: Wir müssen nicht auf den Zusammenbruch warten, damit sich etwas ändert.

Das IZW setzt sich für eine lebensdienliche & zukunftsfähige Wirtschaft ein — in Theorie und Praxis. Und wir suchen MitgestalterInnen.

Die Initiatoren (dafür stimmt die männliche Form, leider keine Frauen dabei) arbeiten an der „Forschungsstelle Wirtschaftsethik und unternehmerische Verantwortung“ der Universität Graz, dessen Weiterfinanzierung in Frage steht – sie verfolgen mit diesern Initiative also auch eine eigene, persönliche Agenda, das machen sie auch auf der Website deutlich (soviel zu den äußeren Bedingungen). Ihre innere Motivation, finde ich, geht uns alle an – und das formulieren sie, trotz der gegebenen negativen Bedingungen, positiv.

Über Alternativen nachdenken – ich möchte, dass das größeren Platz im öffentlichen Diskurs bekommt. und wenn allerorts darauf verwiesen wird, dass annähernd 90 Prozent unserer Mitbürger sich eine alternative Wirtschaftsordnung wünschen, dann sollte man dieses Nachdenken endlich diskursiv, ohne reflexartigen Widerspruch aufgrund einiger Buzzwords, betreiben können. Das Nachdenken über Alternativen passiert in ganz unterschiedlichen Hemisphären und politischen Gruppierungen, es pasiert in der katholischen Kirche, es passiert – Gott sei Dank – in Medien wie Die Zeit immer wieder. Ich bin froh, dass auch in Graz so viel passiert.

Kleiner Nachtrag am 7. April 2014:

Dirk Raith, einer der Initiatoren des imzuwi hat mich grad dahingehend korrigiert, als dass schon zwei Frauen als Gründerinnen des Impulszentrum dabei sind, leicht nachzulesen auf der „Über uns“-Seite des imzuwi. Tut mir leid, dass ich das beim schnellen Schreiben falsch gesehen habe.

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