Volksschulen sind viel besser als ihr Ruf

Kürzlich hat mich ein Artikel im Datum geärgert, weil er in das allgemeine Schulsystembashing einstimmt und solcher Art Kritik auf die Volksschule ausdehnt, die eben auch gleich reformiert gehöre. Ich habe gute Erfahrungen mit österreichischen Volksschulen, weil die mir bekannten Lehrerinnen und Lehrer dort SEHR engagiert agieren. Deshalb möchte ich eine Replik publizieren: Frau Ganter hat allen Grund zum Bleiben! Denn es sind die Menschen, die handeln, nicht das System.

Datum Volksschule

Brigitta Hribernig, Direktorin in der Volksschule Kalkleiten in Stattegg, einer Grazer Randgemeinde, hat mir ein paar Fragen beantwortet. Ihre Volksschule ist eine Regelvolksschule, in Stattegg die zweite Schulsprengel-Volksschule, sie wird in zwei Klassen und vier Schulstufen geführt. Insgesamt gehen dort in diesem Jahr 52 Kinder zur Schule. Sie sitzen in zwei Klassenzimmern, jeweils erste und zweite  sowie dritte und vierte Schulstufe zusammen. Neben den Fächern Deutsch, Mathematik und Sachunterricht gibt es Werken, Bewegung, Religion, Englisch und eine Leseoma sowie eine Montessoripädagogin. Das pädagogische Konzept folgt dem Jenaplan. In den Klassen steht Lernmaterial zur Verfügung, das in den Freiarbeit-Stunden von den Schülerinnen und Schülern genutzt wird – denn sie wissen selbst, welche Ziele sie erreichen müssen, um am Ende des Schuljahres zufrieden in die Ferien gehen zu können. Für Brigitta Hribernig gibt es viele Volksschulen, die Inspirationsinseln sind, zusammengefasst in der Initiative „Schule im Aufbruch„.

Brigitta, was ist für Dich das Wichtigste, was die Volksschule erreichen muss?

Das Wichtigste in der Volksschule ist, dass die natürliche Freude am Lernen, die Neugierde, die Begeisterung, etwas Neues aufzunehmen erhalten bleibt und nicht verloren geht. Das Kind will von sich aus lernen. Lernt das Kind als Kleinkind noch ziellos, wird dieses Lernen in der Volksschule natürlich zielgerichtet. Aber das Kind will das auch.

Wir haben Ziele, die am Ende der Volksschule erreicht sein müssen. Die Ziele im österreichischen Lehrplan sind so gesetzt, dass sie die Kinder erreichen, wenn man ihnen die Zeit lasst. Wichtig ist, dem Kind die Zeit zu geben, diesen Unterbau, den wir in der Volksschule grundlegen, das heißt die die Kulturtechniken, Lesen, Schreiben Rechnen, aber auch grundlegende Erfahrungen, was Bewegung, was Zeichnen, was Musik was die englische Sprache anbelangt, zu erwerben. Hier bilden wir das Fundament, und es ist ganz wichtig, dass dieses Fundament feststeht, das heißt, dass das Kind kompetenzorientiert arbeitet und wirklich dieses Wissen als Kompetenzen weiter verwenden kann in seinem Leben. Wehe die Basis ist locker. Wenn da nicht alles sitzt, ist es sehr schwer, darauf aufzubauen. Bau einmal ein Haus auf einem lockeren Boden…

Wie setzt Ihr diese Ziele in der Volksschule Kalkleiten um?

Es ist wichtig, dass man dem Kind klar die Ziele zeigt, dass dem Kind die Ziele auch bewusst sind, das Kind will dann diese Ziele auch erreichen. Das Kind bemüht sich selbst darum. Je früher das Kind an diesen Zielen zu lernen beginnt, und dafür das passende Werkzeug von uns Lehrern zur Verfügung gestellt bekommt, desto leichter wird sich dieses Kind später beim selbständigen Bildungserwerb tun.

Der österreichische Lehrplan ist ein Rahmenlehrplan, der Kernziele vorgibt. Kernziele, die jedes Kind, das normal begabt ist, in der Volksschule erreichen kann. Wichtig ist, auf das Kind zu schauen: Man muss wissen, wo seine Interessen liegen, damit es Selbstbewusstsein tanken kann und es dann viel leichter ist, Dinge anzugehen. Der Lehrplan lässt ganz viel Freiraum für die eigene Förderung jedes Kindes.

In Kalkleiten haben wir die Ziele des österreichischen Lehrplans noch einmal kindgerecht formuliert, damit den Kindern auch verständlich ist, was sie tun sollen. Damit ganz klar ist, was die Kernziele sind. Und das Arbeiten an den Kernzielen lässt daneben noch ganz viele Freiheiten. Zeit für die Freiarbeit, dafür, Theater zu spielen, sich mit einem Buch zu beschäftigen, Referate vorzubereiten, den ganz persönlichen Interessen nachzugehen oder sich mit dem vorhandenen Material in der Schule zu beschäftigen.

Sicher, im Gesamtlehrplan ist vorgegeben, soundso viele Stunden Deutsch, so und so viele Stunden Mathematik, Sachunterricht zu machen. Wenn man das Ganze als Ganzes sieht, dann ist in der Mathematik bei Textaufgaben auch ganz viel Lesen drinnen, es ist in Deutsch auch ganz viel Sachunterricht drinnen, oder es ist im Sachunterricht viel Mathematik, oder im Werkunterricht auch Mathematik drinnen. Die Gegenstände sind sehr vernetzt und wenn ich das vernetzte System sehe, lässt das Freiräume.

Ein Vorwurf an die Volksschulen im vorhandenen System ist auch, dass nicht vier Jahre lang ein und derselbe Lehrer bzw. ein und dieselbe Lehrerin alle Gegenstände allein unterrichten könne. Wie stehst Du dazu?

Teamarbeit in der Volksschule ist immer gut, einfach weil man sich sehr bereichert. Weil vier Augen mehr sehen als zwei. Vor allem auch, wenn es Probleme gibt, wenn ein Kind sich schwer tut. Es ist aber sicher nicht Voraussetzung für den Erfolg. Schön, jeder hat seine Schwerpunkte, entweder ist man musikalisch oder künstlerisch begabt. In den Kerngegenständen Deutsch Mathematik und Sachunterricht kann jedoch ohne weiteres ein Lehrer, der sich informiert, sehr gut unterrichten. Teamarbeit ist in künstlerischen Gegenständen wichtiger. Je größer die Schule ist, desto leichter ist es auch, sich da abzusprechen. Bitte die Musikstunden, kannst Du das machen? Bei uns in Kalkleiten ist das auch schön, weil auch da nicht dieser starre Stundenrahmen ist, sondern weil wir uns das ausmachen.

Wie wichtig sind die Eltern in der Volksschule?

Eltern sind Schulpartner, auch gesetzliche Schulpartner, und es ist ganz wichtig, dass sie Interesse an der Schule zeigen, das ist für’s Kind so wichtig. Dass es eine Wertigkeit bekommt für das Kind: Was bedeutet Lernen? Was bedeutet Schule? Was bedeutet meine Weiterbildung meinen Eltern?

Es ist auch ganz wichtig, dass gerade bei den kleinen Kindern die Eltern das Kind insofern unterstützen, dass sie zum Beispiel zuhause mit den Kindern lesen. Wir haben in Österreich keine Ganztagsschule. Die Kinder sind nur eine gewisse Zeit in der Schule. Der Leselernprozess ist ein sehr wichtiger und der braucht einfach auch die Unterstützung von den Eltern, dass sei dem Kind Literatur zur Verfügung stellen, dass sie sich vorlesen lassen, dass sie dem Kind vorlesen. Das Kind braucht einen Raum, einen Platz, wo es seine Aufgaben machen kann und diesen Platz, diesen Raum müssen ihm die Eltern geben, nur dann kann es sich wirklich gesund entwickeln, was seine zukünftige schulische Laufbahn anbelangt.

Was ist die wichtigste Erfahrung, die Du als Direktorin und Volksschullehrerin gemacht hast?

In vielen Schulen hat man anders zu denken begonnen: Man hat festgestellt, wie wichtig es ist, dass die Kinder ganz viel voneinander lernen können. Dass man ihnen das Vertrauen entgegen bringt, dass sie sehr selbständig sein können und dass sie die Ziele erreichen. Da gibt es viele Schulen, die zum Beispiel die Altersstruktur aufgebrochen haben, die festgestellt haben, wie gut die Kleinen von den Großen lernen und umgekehrt. Wie die Kinder dann davon profitieren, die zum Beispiel in zwei oder in drei altersgemischten Gruppen arbeiten. Man muss aber auch die Kinder tun lassen, die Kinder forschen lassen, die Kinder arbeiten lassen. Falsch ist es, die Verantwortung für das Lernen nur dem Lehrer in die Hand zu geben. Die Verantwortung für das Lernen müssen die Kinder bekommen. Dann ist es egal, ob ich lauter Ausländerkinder in der Klasse habe. Ob ich große soziale Unterschiede habe. Ob ich viele Unterschiede in der Ausprägung der Intelligenz habe. Das ist dann vollkommen egal. Dieses System funktioniert an großen Schulen wunderbar.

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Links zum Thema:

„Schule fürs Leben – die Chancen“, Am Schauplatz-Dokumentation, 13.3.2014

„Familie ist der verlachlässigste Teil in der Schule“, Der Standard, 28.3.2014

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