Old school: „Die Zeit ist reif für gute Kopierer“.

Kopien Als ich in die Schule ging, fiel mir dieser Slogan auf eine Plakatwand auf und kommt mir seitdem immer wieder mal in den Sinn. Wer jetzt an die Wirkung von Werbeplakaten denkt, dem sei das unbenommen. Ich weiß, dass der Spruch inhaltlich viel mehr auslöste, als er für was weiß ich welche Kopierer Werbung machte.

Das Titelthema in Die Zeit 10/2014 brachte mich wieder darauf: Ich lernte und wurde sozialisiert in einer Gesellschaft, für die Kopierer  große, neue Maschinen waren, die schwarz/weiß Seiten reproduzierten. Kopierer, so suggerierte es mir der Slogan, waren aber auch Menschen, denen selbst nichts einfiel, die taten, was andere taten, die wiederholten, was andere sagten, die nicht selbst dachten. Die Zeit, war ich damals der Meinung, würde niemals reif sein für solche Kopierer, weil sie jedenfalls besseres verdiente. Gleichzeitig dämmerte mir aber, dass der Slogan genau das ausdrückte, was gerade passierte: Die Gesellschaft könnte tatsächlich immer mehr aus Kopierern bestehen… und das war eine Welt, die ich mir nicht vorstellen wollte. – Heute, einige Jahrzehnte später, ist viel mehr passiert, als ich mir damals jemals hätte vorstellen können.

Da geht noch was !“ schreibt Die Zeit über die Generation, die 1964 geboren wurde und heuer 50 Jahre alt wird. Martin Spiewak, selbst Vertreter dieses Jahrgangs, analysiert mit Fingerspitzengefühl und einem Schuss Selbstironie, wie sich jemand fühlt, der diesen runden Geburtstag feiert oder feiern wird. Es ist eine Zäsur, ja. „Weil die Zahl der Optionen schrumpft“, wie er schreibt. Aber kaum jemand empfinde es als Anfang vom Ende, weil wir uns heute viel jünger fühlen, auch wenn wir jetzt schon mehr Jahre verlebt haben, als viele unserer Vorfahren.

Die Erkenntnis der Knappheit macht wählerisch. Ich überlege mehr denn je, wofür ich meine Zeit nicht verschwenden will: mittelmäßige Bücher, belanglose Zeitungsartikel, Menschen, an denen mir nicht wirklich liegt, öde Fernsehrituale. Geschwätzigkeit in Redaktionssitzungen geht mir mehr denn je auf die Nerven. Auf Zeitvernichtungsprogramme wie Facebook kann ich verzichten. Ich muss mir und anderen nicht ständig versichern, dass ich da bin. Ich weiß es. Man kann diese Haltung spießig nennen oder souverän. Studien über uralte Menschen zeigen, dass Skepsis gegenüber modischen Marotten anscheinend die Langlebigkeit fördert. Über Hundertjährige haben das Leben nicht als Produkt der Umstände betrachtet, sie haben sich schon lange frei gemacht von den Erwartungen anderer.

Wenn die Skepsis gegenüber modischen Marotten wirklich die Langlebigkeit fördert – und sich vielleicht noch zusätzlich zu familiärer „Vorbelastung“ auswirkt, dann freue ich ich über mich: skeptisch und neugierig genug, um neue Kommunikationswerkzeuge kritisch auszuprobieren, mich aber nicht reinzustürzen. Heute ist es objektiv gesehen vielleicht noch um einige Dimensionen schwerer, dem Kopiererdasein zu widerstehen. Und dann wieder auch nicht.

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