Gendern – und der kleine Unterschied

Dieser verklausulierte Titel steht für einen Beitrag über’s Gendern. In den vergangenen Tagen ist mir dieses Thema immer öfter quasi entgegen gekommen – im kleinen wie im größeren und großen, manchmal ganz leise und dann wieder fast mit dem Stellwagen ins Gesicht.

Gendern war für mich nie ein Problem, weil ich mich bis vor kurzem nicht mit den Unterschieden oder gar Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern auseinander gesetzt habe. Ich dachte und wusste, dass Mann und Frau verschieden sind – große Unterschiede in der Behandlung von Männern und Frauen fielen mir im persönlichen Leben nicht auf, und wenn es sie so augenscheinlich gab, dass sie mir auffielen, dann schrieb ich sie eher persönlichen Merkmalen als dem Geschlecht zu.

Mehrere Erlebnisse bringen mich seit einiger Zeit jedoch dazu, anders zu handeln:

Schon länger machen mich Bemerkungen einer Freundin, die in Sachen Gendern viel, viel sensibler ist als ich, hellhörig. Mit Interesse habe ich ihren Erzählungen aus mehreren Online-Kursen zum Thema „E-Learning und Gender“ zugehört. Dort beteiligen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einem Nickname, der das Geschlecht nicht erkennen lässt. Erst nach und nach und auf der Basis der Diskussionen, des Sprachgebrauchs und der Partizipation löst sich das Geheimnis um das biologische Geschlecht innerhalb der Gruppe auf, am Ende des dreiwöchigen Kurses wird das Geheimnis endgültig gelüftet und so manches Aha-Erlebnis wartet. – Bis vor kurzem sagte mir diese Vorgangsweise wenig. Gar keine Gedanken machte ich mir über eine mögliche Partizipation. Ganz langsam erst, habe das Gefühl, dass das Thema mich erreicht.

Dazu trug auch die Beschäftigung mit Fair Communication bei. Wie in einem früheren Blogpost beschrieben, habe ich im vergangenen Wintersemester in der Lehre über die Erstellung von PR-Konzepten den Schwerpunkt auf Fair Communication gelegt. Das hat mich hellhörig und dünnhäutig gemacht – und es wirkt sich ständig auf die Lehre danach aus:

Jedes Jahr erstellen Studierende des ersten Jahres einen Newletter für den Tag der offenen Tür, an dem wir Interessierten unseren Studiengang, mittlerweile zum Institut gewachsen, vorstellen. Dieses Jahr habe ich darauf bestanden, dass in dem sechszehnseitigen „Magazin“ durchgehend gegendert wird. In den vergangenen Ausgaben waren die schlichten Hinweise, dass mit der männlichen Schreibweise auch die weibliche mitgemeint ist, genug. Heute ist mir klar, dass ich es mir und den Studierenden auf keinen Fall so leicht machen will. Viel mehr als um die Schreibweise, die vordergründig langatmig wirkt, wenn man mänliche und weibliche Formen verwendet, geht es um Bewusstseinsbildung! Stehen männliche und weibliche Formen in einem Text, hällt einen das beim Lesen gar nicht auf. Man liest, wenn es wirklich schnell gehen muss oder soll, einfach drüber. Als Texterin oder Texter eines solchen Textes hat man mit der Erwähnung beider Geschlechter jedoch wesentliches für die gesamte Menschheit (eben nicht nur einen Teil) geleistet. Der Hinweis, dass ein Text ästhetisch verlöre, wenn man öfter hintereinander beide Formen hinschreibe, gilt nicht. Denn in vielen Fällen gibt es die Möglichkeit, eine Aussage umzuschreiben und geschlechterneutral zu formulieren. Ich behaupte, dann gewinnt der Text sogar! Und man hat diese Denkweise geübt, also zur Bewusstwerdung beigetragen.

Meinen Vorschlag, des uneingeschränkte Gendern damit zu umgehen, den üblichen Hinweis so umzuschreiben, dass mit der weiblichen Schreibung auch die männliche mitbedacht werden würde, haben die Studierenden übrigens umgehend und lautstark abgelehnt – männliche wie weibliche junge Leute gleichermaßen. Die Vehemenz der Ablehnung hat mich überrascht. Sie nährt den Verdacht in mir, dass mein spätes Erwachen bezüglich der Genderproblematik inhaltlich durchaus Entsprechung bei den jüngeren Jahrgängen finden sollte. Umso besser, dass ich im laufenden Sommersemester ein Projekt mit der Männerberatung, pardon: dem Verein für Männer- und Geschlechterthemen Steiermark, auf dem Weg gebracht habe. Ich bin sicher, mich und die Studierenden erwarten dort neue Einsichten.

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